Werkblatt - Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik
Projekt "Morgenthaler"

 

 Fritz Morgenthaler: 

Technik.

Zur Dialektik der psychoanalytischen Praxis.

LESEHILFE

von Ralf Binswanger©

(Januar 2005)

Vorwort:

Der folgende Text entstand ursprünglich aus meinen Vorbereitungen eines 1998/99 gehaltenen Seminars zu Morgenthalers Technik, wozu mich das Psychoanalytische Seminar Bern eingeladen hatte. Er ersetzt selbstverständlich nicht die Lektüre des Buches, sondern dient, wie der Titel sagt, als Lesehilfe.

Der Begleittext zur Ausschreibung des Seminars lautete: „Zur Dialektik der psychoanalytischen Praxis.“  Wir lesen die entsprechende Schrift Fritz Morgenthalers. Darüber hinaus sollen einige Exkurse anschaulich machen, was denn das Dialektische daran sei.“  Mit anderen Worten: Wir untersuchten Morgenthalers Text unter dem Gesichtspunkt der materialistischen Dialektik.

Damit können wir zwei Fliegen auf einen Schlag erwischen: Uns einem Verständnis der Dialektik anzunähern und uns die Inhalte der Theorie der psychoanalytischen Technik anzueignen, wie Morgenthaler sie vermittelt. Im Laufe des Seminars veranschaulichte ich die Anwendung der Dialektik mittels kurzen Textausschnitten von Lenin, Marx und Hegel, wozu ich zum Teil ebenfalls Lesehilfen verteilte.

Inzwischen verwendete ich die ursprüngliche Einleitung in meinem Beitrag über Otto Fenichel im WERKBLATT Nr. 50. Die Grundgedanken zur Dialektik und die Exkurse zu Lenin, Marx und Hegel sind nun in meinen Artikel „Zur Praxis der Dialektik in der Psychoanalyse“ integriert worden. Gleichzeitig mit seinem Erscheinen im WERKBLATT Nr. 51 wird diese gekürzte Fassung der „Lesehilfe“ ins Internet gestellt. Sie versteht sich nun als Ergänzung zu den erwähnten Artikeln, aber auch zu Ulrike Körbitz’ Text über Morgenthalers Technik im WERKBLATT Nr. 50.

Zitierte Stellen aus Morgenthalers Buch sind kursiv geschrieben. Fett erscheinen Hervorhebungen von mir. Das sind entweder von Morgenthaler verwendete Begriffe, die an der entsprechenden Stelle eingeführt werden resp. mir aus anderen Gründen wichtig sind, oder sie betreffen Kategorien der Dialektik, oder –  im Hinblick auf die Anwendung der Dialektik – wichtige „kleine Wörter“, welche den Gesichtspunkt klären, unter dem eine Aussage gemacht wird. Im allgemeinen wird Seite für Seite vorgegangen und die Einleitung (Gespräch mit Kilian) am Schluss besprochen. Um die erste grössere Falldarstellung zusammenzuhalten, lasse ich allerdings auf Kapitel 2 Kapitel 8 folgen.

Einleitende Bemerkungen:

Schreiben war nicht unbedingt die Stärke Morgenthalers. Es brauchte viel Unterstützung seiner Kolleginnen und Kollegen und später vor allem die Initiative von Karl Markus Michel[*] (für das Technik-Buch) und Hans Jürgen Heinrichs (für die Bücher zur Sexualität und zum Traum), damit seine Werke überhaupt erscheinen konnten. Über lange Strecken sollen Michel respektive Heinrichs Satz für Satz mit ihm gerungen haben – ein grosses Verdienst. Durch all das erhalten die Texte allerdings etwas ungeheuer Dichtes und tendieren gleichzeitig dazu, sich aus unserem Gedächtnis wieder zu verflüchtigen.

Dabei haben meines Erachtens beide eine wichtige Lücke im Buch übersehen: Es fehlt ein Kapitel zur Übertragungsdeutung. Dieser hatte Morgenthaler immer einen zentralen Stellenwert gegeben. Im 4. Kapitel findet sich zwar Wesentliches dazu, aber nur beiläufig und unvollständig. Ich habe dort und auch in anderen Kapiteln hinzugefügt, was mir aus mündlicher Überlieferung in Erinnerung geblieben ist. Dies ist auch wichtig für das 9. Kapitel zur rekonstruktiven Deutung. Dieses ist nicht wirklich verständlich, wenn wir nicht annehmen, dass allem, was der Autor anhand seines Falles dort beschreibt, eine Übertragungsdeutung (oder etwas, was in analoger Weise wirksam war), vorausgegangen war. Ich habe eine Übertragungsdeutung, wie sie Morgenthaler gegeben haben könnte, dazu „erfunden“.

Morgenthaler hatte keinerlei Bedürfnis, Freud zu revidieren. Von den vielen Möglichkeiten, Freuds Hinterlassenschaft zu verstehen, machte er sich die zu eigen, welche die heutige Praxis lebendig macht und zu möglichst klaren Konzepten führt. Es wird da nichts ausser Kraft gesetzt oder über Bord geworfen, wenn er es nicht ausdrücklich sagt (z.B. beim Verzicht auf die explizite Anwendung der Grundregel). Dadurch ist für mich die Hinterlassenschaft Morgenthalers auch eine Lesehilfe zu Freuds Werken geworden. 




[*] In früheren Versionen der Lesehilfe war hier nur Hans-Jürgen Heinrichs erwähnt, was für das Technik-Buch ein Irrtum ist. S. dazu Paul Parin, Jan Morgenthaler und Ralf Binswanger im Gespräch: Aus welchen Quellen schöpfte Fritz Morgenthaler? WERKBLATT 53, 2/2004, 21. Jahrgang, S. 19f (oder die Rohfassung davon auf dieser Website, www.werkblatt.at/morgenthaler, S. 14)

 

Zum Text:

1. Kapitel: Theorie der Technik und analytischer Prozess.

Seite 12:

...weil die Beziehung des einen Menschen mit dem andern, des Analysanden mit dem Analytiker[1], in jedem besonderen Fall verschieden ist. Das Besondere: Das verweist auf die Dialektik des Allgemeinen, des Besonderen und des Einzelnen. Das Allgemeine wäre dann z.B. „die Psychoanalyse, das Einzelne die einzelne Stunde oder die einzelne Assoziation. Die Konzentration auf das Besondere verhindert, dass man in Gemeinplätze absinkt oder sich in Einzelheiten verliert.

Morgenthaler erfüllt von Anfang an ein zentrales dialektisches Prinzip: Er untersucht den Gegenstand selbst, (nicht irgend eine Theorie darüber oder z.B. einen aus experimentellen Gründen manipulierten Gegenstand) die besondere analytische Zweiersituation, die dadurch bestimmt wird, was in beiden vorgeht.

... solche Standpunkte ... keine verbindlichen Kriterien... die weiterführen. Weiterführen ist das zunächst vage, im Lauf des Buches aber Stück für Stück präzisierte orientierende Kriterium.

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...wie es zu ihm passt. Eine Redewendung, die auch darauf verweist, dass in Analysen das geschieht und geschehen soll, was ist und nicht was sein soll. Unter diesem Gesichtspunkt (sich so verhalten, wie es zu einem passt) ist Psychoanalyse nicht lehrbar; nähme man diese Aussage aber zum Nennwert, würde man dem Lehrer Morgenthaler nicht gerecht.

Metapsychologie und Theorie der Technik sind Systeme theoretischer Erfassung psychoanalytischer Erkenntnisse, die in einer dialektischen Beziehung zueinander stehen. Das heisst, dass die Widersprüchlichkeit, die jeder Theorie über Lebensvorgänge inhärent ist und sein muss, sich nochmals, und nun genauer fassbar, in den Konzepten der beiden theoretischen Systeme widerspiegelt. Die Worte sind ganz präzis gesetzt: Die beiden Pfeiler psa. Theorie seien Systeme in einer dialektischen Beziehung. Dabei wird das Dialektische gleich definiert, und zwar in der Kürze der Definition absolut korrekt, wie wir noch sehen werden. Insbesondere: Dialektik macht genauer fassbar. Das steht im Gegensatz zur „dialektischen Ausrede“, die Dinge seien halt widersprüchlich und deshalb nicht so genau fassbar. Weiter: Eine widersprüchliche Einheit bedeutet die untrennbare Verbundenheit des Einen, das sich in zwei teilt, in zwei Gegensätze, die einander diametral gegenüber stehen, wobei die beiden Seiten der widersprüchlichen Beziehung gleich in ihrer Entwicklung gesehen werden, in ihrer Selbstbewegung, in der sie tendieren: Die Metapsychologie zu einem in sich abgeschlossenen Ganzen, die Theorie der Technik ... dazu, bestimmte Standorte zu lokalisieren und begrifflich zu fassen. Aus obigem nicht fassbar ist ein begriffliches Fassen geworden. Auch das Wort widerspiegelt entstammt der dialektisch-materialistischen Erkenntnistheorie, der gemäss sich die Gegebenheiten der Aussenwelt in unserem Kopf widerspiegeln, was allerdings keineswegs als linearer Vorgang aufzufassen ist.

Mit anderen Worten: Die Theorie der Technik folgt eigenen Bewegungsgesetzen, welche von den Bewegungsgesetzen der Metapsychologie völlig verschieden sind. Es geht darum, sie gesondert darzustellen. Daran erkennt man m.E. auch gute Falldarstellungen: Statt einer Aneinanderreihung metapsychologischer Gedanken stehen umgangssprachliche Darstellungen der Bewegung des Prozesses im Zentrum.

Morgenthaler zieht den Vergleich der sphärischen Optik heran, um einige Gesichtspunkte, die er einnimmt, zu markieren:

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·        Ich muss als Analytiker metapsychologische Kenntnisse haben und anwenden.

·        Ich muss mit der Theorie der Technik vertraut sein

·        Es geht darum, ein verzerrtes Bild vom Unbewussten, das sich bei beiden Partnern  im Bewusstsein reflektiert = widerspiegelt, neu zu formulieren und zu rekonstruieren, erst dann kann ich einen Deutungsschritt machen. (Ich muss ein Konzept haben, sagte er oft, besser ein falsches als gar keines, weil ein falsches sich falsifizieren kann, keines hingegen den Prozess zum Stillstand bringt.)

·        Aus dem nicht lehrbar ist nun immerhin ein auf so besondere Art schwieriges Erlernen geworden.

Es folgt eine Kritik an bestimmten Zielvorstellungen über die Lehranalyse, die von den Pionieren der psychoanalytischen Wissenschaft nie vertreten wurde. Es ist ja Mode, der Psychoanalyse Wissenschaftlichkeit abzusprechen. Wenn Wissenschaft positivistisch verstanden wird, ist das ja berechtigt; dialektisch und materialistisch angewendet folgt sie diesen Gesetzmässigkeiten und erhält dadurch den eigenen wissenschaftlichen Charakter.

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Die etablierte gesellschaftliche Stellung der Psychoanalytiker tendiert zur Identifikation mit dem Leistungsprinzip. Der ganze Exkurs über die gesellschaftliche Stellung führt zurück zum Standpunkt, dass das psychoanalytische Denken dialektisch ist. Allerdings ist hier zu präzisieren: Ein dialektisches Denken schliesst Widersprüche nicht nur ein, sondern der Widerspruch ist die Elementarform der Dialektik. Morgenthaler ist hier unpräzis, und entsprechend einseitig ist auch das Folgende: Zwar ist es richtig, dass es nicht darum geht, Widersprüche zu beseitigen, aber selbstverständlich darum, sie aufzuheben. Es geht wesentlich um eine Erweiterung des Erlebnisbereiches beim Analysanden, was in den meisten Fällen eine Erweiterung des Erlebnisbereichs des Analytikers zwar voraussetzt, der, wie Morgenthaler später im Buch sagen wird, eine emotionale Öffnung in Bezug auf den Analysanden erreichen muss. Hingegen ist es der Analysand, der zahlt und deshalb den Anspruch hat, dass es in erster Linie um seine Erweiterung geht.

Warum wird Morgenthaler hier unpräzis? Weil es ihm um die zentrale Auffassung geht, dass beide PartnerInnen eines Prozesses in gleicher Weise konflikthaft sind und beide von den aktualisierten ubw. Vorgängen zunächst nichts wissen (s. Seite 28). In gleicher Weise heisst nicht in gleicher Quantität, was Morgenthaler nicht explizit sagt, obwohl es augenscheinlich ist. Seine vollkommen richtige Tendenz, positivistische Auffassungen der Psychoanalyse zu bekämpfen, lässt ihn selber gelegentlich einseitig werden.

Gleichzeitig findet sich in diesem Abschnitt der inhaltlich wichtige Satz: Alle Menschen ... sind von Konfliktneigungen durchsetzt, die sich immer dann reaktivieren, wenn sich eine Beziehung wirklich vertieft. Dieser Gedanke zieht sich durch das ganze Buch hindurch: Das emotionale Angebot des Analytikers hat die Vertiefung der Beziehung zum Ziel, was dazu führt, dass sich die (Übertragungs-)Konflikte innerhalb dieser Beziehung  reaktivieren bzw. aktualisieren. Wir sind schon mitten in der Theorie darüber, was einen analytischen Prozess wesentlich ausmacht. 

Es folgen Morgenthalers Zielvorstellungen einer Analyse – zu sehen in widersprüchlicher Einheit mit seinem Postulat, die Analyse müsse ziellos sein – und ein ceterum censeo, dass die Analyse die Erfahrung der Beschränktheit darüber ist, was sich verändern lässt.

Der folgende Absatz ist wieder echt dialektisch: Darum, worum es in der Erscheinung (scheint) geht, geht es natürlich nicht, und erst dadurch kann es, auf einer höheren Ebene, doch darum gehen.

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Es wird nun deutlich, was die Hauptsache dieses ersten Kapitels ist: Das Einnehmen von Gesichtspunkten  oder Standpunkten. Meines Erachtens ist das ein zentraler Bestandteil der dialektischen Methode. Wenn wir davon ausgehen, dass alles widersprüchlich ist, alles mit allem zusammenhängt, alles in Bewegung ist und dass das forschende Subjekt Teil dieses Ganzen ist, ist offensichtlich, dass nur die Klarheit über den eigenen Standpunkt sowie den Gesichtspunkt, den wir im jeweiligen bestimmten Moment einnehmen, ein präzises Erfassen eines Aspektes des Ganzen ermöglicht. Die Systemtheorie z.B. geht anders vor: Sie versucht, Präzision dadurch zu erreichen, dass sie ihren Gegenstand abgrenzt, z.B. zu einem Familiensystem. Das Einnehmen von Gesichtspunkten resp. das Abgrenzen von Systemen scheint zwar willkürlich. Und doch ist es der untersuchte Gegenstand und seine Selbstbewegung, welche im dialektischen Erkenntnisprozess bestimmen, ob ein eingenommener Stand- oder Gesichtspunkt sinnvoll oder unsinnig ist.

Weitere Standpunkte:

·        Die eigene Analyse ist notwendig, und zwar eine, die wirklich eine Analyse war.

·        Eine Analyse ist ein Prozess ... , der eine revolutionäre innerpsychische Bewegung erzeugt. D.h. keine nur graduelle Bewegung, sondern eine mit qualitativen Sprüngen, die eben plötzlich etwas grundlegend verändern. (Diese Aussage können wir in widersprüchlicher Einheit mit der Aussage auf S. 15 sehen, wonach dass die Analyse die Erfahrung der Beschränktheit darüber sei, was sich verändern lässt.)

·        Dadurch gewinnen Konflikte (=Widersprüche)...in einer bestimmten, individuell spezifischen Weise eine neue Formulierung,

·        was nicht heisst, dass sie verschwinden oder dass sie fortan spielend gelöst werden können, wenn sie in Erscheinung treten.

·        Das ist der eine von zwei Punkten, welche der Analytiker dem Analysanden voraus hat: die Erfahrung der eigenen Analyse.

·        Der Analytiker beobachtet nicht nur den analytischen

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Prozess, ...  sondern er verwendet ihn, um seine eigenen unbewussten Reaktionen zu verstehen.

·        Der zweite Punkt sind Kenntnisse: Metapsychologie und Theorie der Technik.
Worauf es mir hier aber ankommt, ist folgendes: Für mich ist das ganze wissenschaftliche System der Metapsychologie, von der Theorie der Technik aus betrachtet (Gesichtspunkt!), stets nur insofern berechtigt, als es aus der klinischen Erfahrung stammt, die wir mit Analysanden gewinnen, und andererseits dazu dient, Gesetzmässigkeiten der Theorie der Technik zu formulieren und damit die Grundlagen für die praktische Anwendung der Psychoanalyse zu entwickeln. Das ist eine Schlüsselstelle für Morgenthalers Primat der Praxis

Der Rest der Seite folgt daraus; S.20-21 ist ein Beispiel dazu. Entscheidend ist dabei, dass die Bedingungen des analytischen Prozesses in ihrem eigentlichen Wesen nicht verstanden oder nicht berücksichtigt worden sind

·        solange die Metapsychologie noch ganz auf der Libidotheorie aufbaute. Morgenthaler ist, wie wir noch sehen werden, auch stark von der Ichpsychologie geprägt und hat objektbeziehungstheoretische, entwicklungspsychologische und Gesichtspunkte Kohuts aufgenommen.

·        vor allem die Voraussetzungen einer solchen Übertragungsentwicklung näher berücksichtigen. Das wird später an Beispielen erklärt

·        negative therapeutische Reaktion ist in solchen Fällen dem Analytiker zuzuschreiben und nicht dem Analysanden.

·        Morgenthaler setzt voraus, dass es einen Lehrplan für angehende Analytiker zu geben hat, der den Studierenden helfen soll, Prioritäten zu setzen (ein Gegensatz zur Aussage „nicht lehrbar“).

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·        Der Gefahr, eine Metapsychologie der Technik zu begründen, muss entgangen werden. Damit meint er wohl einen rigiden, zum Positivismus neigenden Umgang mit der Technik.

·        ...unter allen Umständen einen emotionalen Prozess in Bewegung zu setzen.

·        ...dass sich eine Beziehung...entwickelt, die in erster Linie von Kräften getragen wird, die das Selbstgefühl des Analysanden und die Kohärenz des Bildes, das er von sich selber hat, aufrechtzuerhalten  hier ein Gesichtspunkt aus der Theorie über den Narzissmus. Ausserhalb der Analyse käme es zu einer schweren Regression. Am Beispiel des Regressionsbegriffs, der zur Metapsychologie gehört und schön definiert wird, zeigt er nun, wie dieser metapsychologische Begriff von der Theorie der Technik aus betrachtet wird, wie das obige Postulat (Primat der Praxis) eingelöst wird. Regressionen im Dienste des Ichs (ein Begriff von Kris, der hier schön definiert wird) sind vom Gesichtspunkt der Technik aus erwünscht, solche, die keine strukturelle Beeinträchtigung von Libidoorganisation und Ichfunktionen bewirken.

·        Der Analytiker muss die Beziehung zum Analysanden also ständig aktiv strukturieren, um Regressionen zu vermeiden.

·        Das impliziert, den Analysanden unter dem Gesichtspunkt seiner Ichfunktionen und seiner Libidoschicksale so gesund als möglich zu nehmen. Es folgt ein Beispiel eines Wahnhafen (wohl eher eines Zwanghaften). ...muss er mir zuerst grundsätzlich seine psychische Krankheit, sein Nichtfunktionieren beweisen.

·        Empathie allein reicht nicht aus. Es braucht Konzepte.

Aus den meisten dieser Standpunkte lässt sich ableiten, dass der Analytiker nicht einfach passiv ist, sondern in Bewegung setzt,  ständig aktiv strukturiert, den Prozess so steuert, dass maligne Regressionen vermieden werden etc.

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·        Der Konflikt als Problemlöser, echt dialektisch.

·        Das kleinfamiliär verstandene Konzept des Ödipuskomplexes (druckreife Kurzbeschreibung)  führt zur Neigung der Analytiker, sich frühzeitig in eine bestimmte Übertragungsrolle gedrängt zu fühlen. Wenn die emotionale Dynamik in der Beziehung zwischen Analysand und Analytiker unberücksichtigt geblieben ist und die Annahme einer bestimmten Übertragungsrolle nicht auf unbewussten Motivationen, sondern auf bewussten Vorstellungen des Analysanden beruht, wehrt der Analytiker mittels der Schablone einer Übertragungsrolle ab.

·        Durch diese Formulierung wird auch klar: Übertragung ist immer ein unbewusster Vorgang.

·        Der Analysand muss sich in der Analysestunde wohl fühlen können. Es ist nicht der Leidensdruck, der wichtig ist.

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·        Die Schwierigkeiten beruhen auf der Verführung. Es folgen Beispiele.

·        Die Aktualisierung des Übertragungskonflikts ist primäres Ziel der ersten Behandlungsphase (s. Kap. 4)

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·        Unterscheidung von Psychoneurosen und narzisstischen Neurosen. Im Buch geht es grundsätzlich um die Theorie der Technik bei der Behandlung von Psychoneurosen. Beachte allgemein seinen Umgang mit Fachausdrücken, die oft beiläufig eingeführt und gelegentlich sehr schön definiert werden.

·        Fehler, sich auf Gelerntes zurückzuziehen oder sich betont respektvoll zu verhalten, sind Vermeidungshaltungen, sich auf die Beziehung einzulassen, und fördert doch alles, was seinen Partner veranlassen kann, sich auf ihn einzulassen. Eine solche Haltung fördert Regressionsneigungen, beeinträchtigt autonome Funktionen. Es entstehen polar entgegengesetzte Einstellungen zum analytischen Prozess. ... es so aussieht, als ob Analytiker und Analysand in entgegengesetzten Richtungen Ziele anstrebten, die zum gleichen Resultat führen sollen. Es geht dann immer mehr um Prozedurfragen.

·        ...dass sich die analytische Beziehung zwischen zwei Partnern aufbaut, die beide nicht konfliktfrei sind. Er kommt dann wieder zum positivistischen Denkmodell anstelle der dialektischen analytischen Reflexion. Bestimmte Wunschvorstellungen verlieren ihren Phantasiecharakter, weil sie gesellschaftlichen Forderungen entsprechen und deshalb realitätsangepasst erscheinen.

·        ...die Abwehr, um die es da geht, ist ganz offensichtlich und in allen Fällen eine Abwehr der Verführung. Wenn ich nicht erkenne, dass ich einen Einfluss ausübe, dem der Analysand nicht entgehen kann, kommt es zu schwersten Einbussen der autonomen Funktionen.

·        Die Konzepte der Technik sollen die Richtungen anzeigen, in denen es möglich ist, die Fallstricke und die Gefahren im Deutungsprozess zu erkennen und zu entgehen. Das sind solche, die mir helfen, meine eigenen Konfliktneigungen... unter Kontrolle zu halten. ... Die Reflexion ... steht im Dienste der Aufrechterhaltung der eigenen dekonfliktualisierten Ichfunktionen.

[Nach dieser Einführung lohnt sich ein link zu Lenins „Elemente der Dialektik“ in meinem WERKBLATT-Artikel (Nr. 51) „Zur Praxis der Dialektik in der Psychoanalyse“].

 

2. Kapitel: Die Sukzession im Assoziationsverlauf, und

8. Kapitel: Die Durcharbeitung eines Übertragunswiderstandes.

Wir nehmen die beiden Kapitel zusammen, um uns eine ganze Fallvignette – den Analysanden mit dem agricola-Traum – anzusehen. Da die Dialektik davon ausgeht, dass alles mit allem zusammenhängt, ist ein Ausscheren aus der Reihenfolge nicht unproduktiv.

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...seit längerer Zeit in Analyse, nämlich seit 180 Stunden (S. 109).

Es folgt die Falldarstellung. Der Analysand scheint in einem Widerstand festzustecken, wobei Morgenthaler das Wesentliche dieser Situation als Konfusion in der Übertragungsentwicklung bezeichnen wird (S. 35). Es folgt eine signifikante Stunde: Gleich zu Beginn erzählt der Analysand einen Traum, aus dem er mit einer Pollution erwacht, um dann über seine Enttäuschung über seinen Freund zu berichten.

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...wie sich eine Beziehung zwischen Analytiker und Analysand in eine falsche Richtung entwickeln kann. Ist es ein voreiliges Urteil, basierend auf einer einzigen Analysestunde? Grundsätzlich darum nicht, weil gemäss dialektischer Auffassung das Besondere immer das Allgemeine enthält. In einer Stunde, in einem Traum gibt es Beziehungen zu allem Anderen; Begriff der Totalität.

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...ohne auf die Inhalte dieser Übertragungsentwicklung näher einzugehen. Dialektik zwischen Form und Inhalt: In Schwierigkeiten kommt man meistens dann weiter, wenn man der Form die Priorität gibt und vom Inhalt zunächst abstrahiert. Ein Willensakt des Analytikers.

Der formale Aspekt, der hier weiterführt, ist die Sukzession der Einfälle. Die Bedeutung dieses Aspektes ergibt sich aus dem Konzept der freien Assoziation, dass nämlich die scheinbar zufällige Aneinanderreihung der Einfälle durch einen tieferen Zusammenhang wesentlich bestimmt ist (Dialektik zwischen Erscheinung und Wesen). Unter dem formalen Gesichtspunkt der Sukzession kann dann auf die Inhalte eingegangen werden, wodurch im Analytiker wohl neue Vermutungen über tiefere Zusammenhänge geweckt werden – welche? Er geht darauf nicht ein.

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Die Wichtigkeit, mit eigenen Ängsten bewusst umzugehen, was natürlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte.

Die konsequente Anwendung eines zweiten technischen Hilfmittels (neben der Sukzession) führt zu klaren Aussagen, was in der gegebenen Situation richtig oder falsch ist: Das Bewusste kann nicht das Unbewusste sein. Deutungen des Bewusstseinsfähigen, die sich erst noch als wirkungslos erweisen, sind falsch.

Wenn es nicht die bewusste Aggression und Distanziertheit ist, dann muss das Unbewusste die Liebe sein. Morgenthaler wagt sich hier mit einer Hypothese vor, die sich im Folgenden erst noch verifizieren muss ...die Liebe im Gewand der neurotischen Entwicklung. Der Analysand ist in seiner Vehe-

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menz dem Analytiker viel zu nahe gekommen. Als er dann noch eine Pollution produziert, reagiert der Analytiker unbewusst mit einem Schrecken.

Bewusstseinspsychologie. Die Annahme ist nicht falsch, weil sie nicht stimmt, sondern weil sie offensichtlich ist und beiden Partnern längst bekannt. Sie ist falsch, weil sie eben Bewusstseinspsychologie darstellt. Ausdruck von Rationalisierungen.

Der Analytiker tut ja, was er kann. Man kann nicht von ihm verlangen, keine unbewusste Abwehr zu haben, das wäre schlicht unanalytisch. Man kann nur verlangen, dass er merkt, dass

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sich eine Konfusion in der Übertragungsentwicklung eingestellt hat und dass er sich entschliesst, das anzuwenden, was die Theorie der Technik für den Fall einer solchen Konfusion anzubieten hat, hier eine Warnung und eine dynamische Priorität.

1. Die Warnung wird aus der Ich-Psychologie abgeleitet: Unbewusste Teile des Ich lauern jetzt gleichsam auf Nahrung, die die Abwehr verstärkt. Inhaltliche Deutungen bezüglich Lebensgeschichte oder aktuellem Erlebnisbereich würden nur Rationalisierungen fördern. Die Warnung besteht darin, dies nicht zu tun, wenn man es merkt. Sie wird in Kapitel 8, S. 112, noch präzisiert: Was Ich-Funktion hat, darf nicht als etwas mit Es-Charakter missverstanden werden.

Warum muss die Abwehr verstärkt werden: Weil die Konfusion Ängste auslöst und unkontrollierbare regressive Bewegungen fördert. Das unbewusste Ich mobilisiert Abwehrvorgänge dagegen, die natürlich ebenfalls unbewusst sind. (Bekanntlich zwingt ja die augenscheinliche Tatsache, dass nicht nur Trieb-, sondern auch Abwehrvorgänge unbewusst sind, dazu, das topische Modell durch die Strukturtheorie zu ergänzen).

2. Die dynamische Priorität ... stützt sich

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auf die metapsychologischen Vorstellungen, die die Psychoanalyse zur Charakterisierung des Primärprozesses entwickelt hat. Morgenthaler verknüpft nun das Konzept der Sukzession im Assoziationsverlauf mit der Regel der freien Assoziation, die auf den Vorgängen des Primärprozesses gründet. Diese Sukzession ist innerhalb der analytischen Situation allgemeingültig, das heisst, dass alles ... die entscheidenden dynamischen Faktoren enthält, auf welchen die unbewussten Motivierungen ruhen. Daraus wird die technische Priorität einer Einstellung abgeleitet – eines Entschlusses, wie ich sage – mich uneingeschränkt an der Abfolge der Äusserungen des Analysanden zu orientieren. Ich darf mich dabei nicht scheuen, einzusehen, dass ich im Moment ebensowenig verstehe wie der Analysand. Ich darf mich auch nicht abschrecken lassen, ... zu ordnen. Morgenthaler scheut sich nicht, möglichst genau zu sagen, wie man etwas macht.

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Und er demonstriert, wie man es im angeführten Beispiel machen könnte.

Das zeigt wieder einige Elemente der Dialektik (Lenin) in actu: Dialektik zwischen Form und Inhalt, mit Priorität des formalen Aspektes; Betrachtung des Dings an sich selbst; Betrachtung des Dings in seiner Selbstbewegung (der Assoziationsverlauf ist die Selbstbewegung der Einfälle) à von der Aneinanderreihung zur Kausalität; zwei konfliktvolle Partner, die im Kampf stehen .

Der Analysand hat das Recht, den absurden Äusserungen des Analytikers mit Zurückhaltung und Zweifeln zu begegnen. Der Analytiker aber muss an seinem Konzept festhalten und seine Darlegungen weiter ausarbeiten. Das ist Kampf der Widersprüche, und in solchen Situationen (wie in vielen anderen) ist selbstverständlich das Konzept der freischwebenden Aufmerksamkeit ausser Kraft gesetzt. Im Entwickeln und dann im Beobachten der Reaktion des Analysanden gibt es über längere Zeit nur die an Konzepten orientierte, gerichtete Aufmerksamkeit.

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Es folgen präzisierende Wiederholungen bis zur neuen, zentralen Aussage: Die Tendenz der Strebungen des Analysanden geht zunächst ganz einfach in die Richtung einer affektiven Entspannung. Verdeutlicht und wiederholt es mit besonderer Absicht: Der Analytiker hat dafür zu sorgen, dass diese Entspannung möglich wird und dass der Druck im Übertragungsbezug nachlässt. Der Analysand ist nicht in der Lage, diese Aufgabe zu übernehmen. Warum? Wenn etwas bei ihm in Bewegung kommt,

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wird der Analysand aus dem Arsenal der Vergangenheit Stück für Stück seiner Waffen hervorholen, mit denen er sich der Fortsetzung der Kur zu erwehren suche. Das ist die dynamische Beschreibung dessen, was wir Widerstand nennen. (Er zitiert Freud, Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten, GW 10, S. 131). Der Analysand kann nicht gleichzeitig den Widerstand mobilisieren und für Entspannung sorgen.

...denn nur wenn diese spezifische (nicht irgendeine, sondern die durch entsprechende Deutungen des Analytikers hervorgerufene) affektive Entspannung eintritt, kann es zu einer Neuformulierung der Konflikte kommen, die in der Vergangenheit des Analysanden eine Fixierung erfahren haben. ... neue Erfahrung als Quelle der emotionalen Revolution, des eigentlichen Sinns des analytischen Prozesses.

Nun zeichnet er nach, was der Analysand wirklich erlebt hat (und Morgenthaler wird ungefähr das dann auch deuten, s. Kap. 8). Ein Beispiel, wie aus dem Traumseminar: Die Traum-Tendenz hat den Sinn, das Vorwurfsvolle, Anklagende aus der analytischen Beziehung zu eliminieren und in einem Erleben ausserhalb der Analysestunde, also im Traumerleben unterzubringen. M.E. braucht es dazu nicht einmal die inhaltliche Analyse des Akkusativs, sondern die konsequente Anwendung des Konzepts der Sukzession im Assoziationsverlauf allein legt diesen Schluss fast überzeugender nahe. Der Analysand ist (mit einer Pollution) aus dem Schlaf erwacht. Es handelt sich also um einen misslungenen Traum, weil der Zweck des Träumens, den Schlaf zu hüten (Freud, Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, 9. Vorlesung), nicht erfüllt wurde. Darum können wir nicht einen als erfüllt dargestellten Wunsch benennen, wohl aber die erwähnte Traumtendenz.

Es handelt sich zweifellos um einen Übertragungstraum. Diese Nomenklatur scheint mir verwirrend. Unter Übertragungstraum wird gewöhnlich einer verstanden, in welchem der Analytiker im manifesten Trauminhalt vorkommt. Das allerdings bedeutet meistens, dass die Übertragung entspannt ist und den Träumer nicht aus dem Schlaf weckt. Deshalb ist diese Nomenklatur ebenfalls verwirrend. Die Frage bedürfte weiterer Klärung.

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Ich kann erst jetzt vermuten ... : Das ist die Priorität der Dynamik vor dem Inhaltlichen (im Falle einer Konfusion in der Übertragungsentwicklung), wobei das Inhaltliche aber nachher absolut zu seinem Recht kommt. Es folgt eine wiederholende Zusammenfassung.

8. Die Durcharbeitung eines Übertragungswiderstandes.

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Schon bei Freud und umso mehr in der späteren Literatur herrscht alles Andere als Klarheit über die Definitionen der verschiedenen Formen von Widerständen. Man muss sich entscheiden, welche Nomenklatur am ehesten Sinn macht. In der Morgenthalers bedeutet Übertragungwiderstand die „Übertragung“ von alten Ich-Leistungen in die analytische Situation (s. Seite 110f). Dies kann von Anfang an geschehen, bevor sich eine Übertragung – ein zunächst unbewusster, triebhafter Vorgang (aus dem Es) im Rahmen einer bereits etablierten Objektbeziehung zum Analytiker – ausgebildet hat. Ein Übertragungswiderstand kann in Erscheinung treten, sobald sich ein Analysand mit einem Analytiker zusammensetzt, ohne dass dies schon eine etablierte Beziehung zu diesem und keinem anderen Analytiker voraussetzt.

Auch der Verdrängungswiderstand ist eine Ich-Leistung; sie richtet sich gegen das Bewusstwerden von unbewussten Inhalten.

Wenn Morgenthaler hingegen einfach von Widerstand spricht, meint er alles, was sich nach Ausbildung einer Übertragung gegen den Fortgang des Prozesses richtet. Wir werden später genauer darauf zurückkommen.

Abwehr ist ein Begriff aus der Metapsychologie und nicht aus der Theorie der Technik. Die verschiedenen Formen von Widerstand stellen die verschiedenen Abwehrmechanismen aus dem Ich in ihren Dienst (S. 112 Mitte).

Der Versuch, die psa. Technik, im Sinne einer Theorie, in eine einheitliche und zusammenfassende Betrachtung zu gliedern, scheitert fortwährend daran, dass der einmal eingeschlagene Weg nicht weiterführt. Dialektische Prozesse sind nicht linear, sondern enthalten Sprünge. Diesem Bewegungsgesetz folgt Morgenthaler bei der Darstellung.

...nicht alles, was sich in einer wohlmeinenden Zuwendung des Analytikers entwickelt, führt beim Analysanden zu einem analytischen Prozess.

Nach einer Zusammenfassung des Falles will er nun näher auf diese Konfusion eingehen und zunächst feststellen, dass sich in der Analyse ein Übertragungswiderstand entwickelt hatte.

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...chronisch gewordenen, inkrustierten Übertragungswiderstand ... seit Beginn der Analyse.

Er leitet nun die Unterscheidung ab zwischen dem  Übertragungswiderstand als Ausdruck des Wiederholungszwangs, der bestimmte Ich-Leistungen betrifft, vom viel allgemeineren Wiederholungszwang..., den ich als emotionale Wiederholung verstehe, und zwar im Interesse des analytischen Prozesses. Diese Wiederholung ist die Übertragung, bei der Es-Anteile resp. deren Abkömmlinge, Triebregungen und Wünsche, in die analytische Beziehung übertragen werden, im Sinn einer emotionalen Wiederholung. Erst wenn sich die Übertragung entwickelt hat, entstehen die eigentlichen Widerstände, die aktuell gegen die Triebregungen der Übertragung aufgerichtet werden. Das heisst nicht, dass der Übertragungswiderstand nicht auch mit Emotionen verbunden sein kann; das Entscheidende ist, dass diese im Dienste alter Ich-Leistungen stehen. Diese sind für einen analytischen Prozess ... grund-

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sätzlich uninteressant, weil die Entwicklung der Beziehung, ihre Vertiefung und die Richtung, die sie nimmt, nicht an den Ich-Leistungen gemessen werden können. ...Ich wende mich der Übertragung von der Seite der emotionalen Bewegung[2] zu und versuche, sie in diesem Sinn zu verstehen und zu mobilisieren. Das ist die via regia der Analyse. Die Analyse wird selbst wie ein Symptom, wenn sich der Analysand einfach an die Ich-Leistungen, Haltungen und Überzeugungen des Analytikers anpasst. ... Der analytische Prozess ... operiert mit der emotionalen Bewegung, das heisst mit den Kräften, die das Selbstgefühl und die Kohärenz des Bildes der eigenen Person aufrechterhalten. Dem sind wir schon im 1. Kapitel begegnet, und ein Mittel, das zu tun, folgt später in diesem Kapitel (S. 117).

Der Analysand aktiviert die Abwehr, wenn er sich in eine Beziehung einlässt. Die Beziehung ist vor der Abwehr da. Dass die Beziehung da ist, zeigt sich daran, dass der  Analysand hartnäckig und regelmässig seit über einem Jahr viermal wöchentlich zur Analyse kommt. Dazu passt die Abwehr nicht, darum ist sie etwas Fremdes, Befremdliches. Der Analysand trägt nicht seine Wünsche, sondern deren Abwehr in die Analyse, und der Analytiker agiert im Übertragungswiderstand mit.  Morgenthaler umreisst von der Praxis her eine Reihe klassischer psychoanalytischer Begriffe.

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Mitagieren im Übertragungswiderstand heisst annehmen, vermuten, denken, deuten, dass etwas Es-Charakter hat, was Ich-Funktion ist. Eine praktisch sehr nützliche Richtlinie.

Aus diesen prinzipiellen technischen Gesetzmässigkeiten lässt sich die Dynamik des Übertagungswiderstandes und der ganzen Abwehrpsychologie dieses Analysanden ableiten. 

Man soll sich nicht Vorwürfe machen, sondern verstehen, den Deutungsprozess überwachen und strukturieren. Der Analytiker ist nicht passiv, sondern aktiv.

... dass es nicht zu einer Analyse, sondern zu einer Vertiefung der Symptomatologie kam – das ist die Folge des Mitagierens eines Übertragungswiderstandes.

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Im analytischen Prozess geht es darum, beim Analysanden jene Ichanteile, die im Übertragungswiderstand auftauchen, so zu behandeln, dass sich die Affektverdrängungen oder Affektfixierungen lösen, und dass sich die Energie, die in ihnen liegt ...., dem Übertragungsangebot im emotionalen Bereich zugesellt. Wie macht man das?

Positive und negative Übertragung bezieht sich auf die emotionalen Färbung, die bereits wieder etwas mit den Ichreaktionen zu tun haben. Das heisst wohl, dass diese Bezeichnungen nichts darüber aussagen, ob es sich um vorwärtsbringende Übertragung oder hemmenden Übertragungswiderstand handelt. Um diese Frage zu lösen, führt Morgenthaler ein Zitat ein, das  Freud      nicht geschrieben hat, aber Pendant ist zu dessen Beschreibung des Widerstandes (aus dem Arsenal der Vergangenheit Stück für Stück die Waffen hervorziehen, um den analytischen Prozess zu hemmen und zu blockieren, s. folgende Seite und Seite 39): Der Analysand nimmt den verständnislosen Analy-

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tiker gleichsam bei der Hand und will ihn beinahe führen, wie man einen Blinden führt, ....damit der analytische Prozess fortschreitet. 

Hier sehe ich die vielleicht wichtigste Errungenschaft Morgenthalers in der Theorie der Technik, die mir bei keineR anderen AutorIn explizit begegnet ist. Es kommt einem offenbar gar nicht in den Sinn, diejenigen unbewussten Kräfte explizit zu theoretisieren, die beim Analysanden dem Widerstand entgegenwirken.

Ich zitiere

1.      Freud: Was immer die Fortsetzung der Kur hemmt, ist ein Widerstand (Traumdeutung, Kapitel 7, GW II/III, 521
Aber jetzt beginnt der Widerstand, sich ihrer [der Verliebtheit] zu bedienen, um die Fortsetzung der Kur zu hemmen. (Bemerkungen über die Übertragungsliebe, GW X, 310) Wir sehen: In den Dienst des eigentlichen Widerstandes werden vor allem auch Triebregungen gestellt.
Wird aber im weiteren Verlauf diese Übertragung feindselig oder überstark und darum verdrängungsbedürftig, .... holt der Kranke aus dem Arsenale der Vergangenheit die Waffen hervor, mit denen er sich der Fortsetzung der Kur erwehrt. (Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten, GW X, 131). Dieses Zitat benützt

2.      Morgenthaler auf S. 39.
.... weil nicht nur der Analysand, sondern auch der Analytiker seine Waffen aus dem Arsenal der Vergangenheit hervorzieht, um sich, unbewusst natürlich, der Fortsetzung der Analyse seines Patienten zu widersetzen (114)
Der Analysand nimmt den verständnislosen Analytiker gleichsam bei der Hand und will ihn beinahe führen, wie man einen Blinden führt, damit er schliesslich das macht, was er tun muss, ... und zwar unter dem emotionalen Druck der ausgebildeten Übertragung .... damit der analytische Prozess fortschreitet.

Daraus lassen sich zwei „authentische“ Zitate Morgenthalers synthetisieren, die ich ungefähr so in Erinnerung habe:

                                                                                           à wird der Analysand aus dem Köcher

Ist einmal das Feld der Übertragung breit eröffnet,   ------------------------------------------------

                                                                                           à nimmt der Analysand den blinden

seiner Widerstände Pfeil um Pfeil hervorziehen und auf den Analytiker abschiessen  à

---------------------------------------------------------------------------------------------------------- um den

Analytiker bei der Hand und führt ihn von

         Stolperstein zu Stolperstein, bis ihm das nächste Brett vom Kopfe fällt  à

                                                à verhindern          = Widerstand

Fortgang des Prozesses zu   -----------------------------------------------------------------------------

                                                à gewährleisten      = entgegenwirkende progressive Kraft.

Die progressive Kraft bedient sich gleichsam eines unbewussten Regisseurs, von dem weder der Analysand noch der Analytiker etwas wissen. Der Analytiker lässt sich gleichsam blind ein. Der unbewusste Regisseur, mittels der szenischen Funktion des Ichs (Argelander), legt die Stolpersteine in den Weg. Diese sind zunächst nicht von Widerständen zu unterscheiden. Ich muss mich so einstellen, dass ich bereit bin, „Widerstände“ als solche Stolpersteine zu sehen und mich zu fragen, welches Brett da von meinem Kopf genommen werden soll. Gelingt das nicht, wird der unbewusste Regisseur immer grössere resp. wirksamere Stolpersteine anschleppen (bis hin zu lebenswichtigen Entscheidungen, vor denen der Analysand mittels Freuds bekannter Anweisung geschützt werden soll).

Die grössten Enttäuschungen treten in diesem Geschehen immer dann auf, wenn der analytische Prozess sich erschöpft und ausklingt, weil ... auch der Analytiker seine Waffen aus dem Arsenal der Vergangenheit hervorzieht ... Bestimmte resignative Stimmungen in der Analyse sind als Resignationen des unbewussten Regisseurs zu verstehen und zu deuten. Auch wenn ich noch nicht verstehe, welches Brett mir da genommen werden soll, gibt es meist schon eine Entspannung, wenn der Analysand weiss, dass ich weiss, dass ich im Moment nicht weiss.

Es ist ein Konzept der Theorie der Technik, die Äusserungen des Analysanden grundsätzlich entlang den Linien der soeben geschilderten Verhältnisse zu verstehen, Verhältnisse, die unbewusst geschehen. Dafür bleibt mir zumindest immer die Neugier.

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Das Wirken dieser Kräfte stellt er nun am Fallbeispiel dar. Der Analysand musste den Traum erzählen und von der Pollution berichten, die ihn aus dem Traum geweckt hatte (ein misslungener Traum, der den Schlaf nicht hüten konnte), damit das, was vom Es kam, in Traum und Pollution untergebracht werden konnte, bevor er das Erlebnis vom Sonntag erzählte.

In Traum und Pollution lag die Vorbereitung der Auflösung des Übertragungswiderstandes. Dabei ist besonders hervorzuheben, dass der Patient den ersten Schritt dazu gemacht hatte und nicht der Analytiker und dass es natürlich auch hier die unbewussten Ichanteile waren, die das bewerkstelligten.

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Die Antwort des Analytikers war von unbewussten Impulsen geleitet, die den polaren Gegensatz in den Besetzungsmodalitäten der analytischen Beziehung verstärkten statt auflösten Die Konzepte der Theorie der Technik müssen immer dann konsequent angewendet werden, wenn der Analytiker einer Tendenz zu erliegen droht, die der Analyse zuwiderläuft. Wobei es kein Rezept gibt. Jeder von uns würde in der Weise deutend vorgehen, die zu ihm passt Das ist der nicht lehrbare Teil, der sich in dialektische Beziehung zum lehrbaren zu stellen hat: Das Prinzip kann ich dadurch umschreiben, dass ich sage, der Analytiker habe in jedem Fall (wo der Analysand ihn bei der Hand nimmt, natürlich) das anzunehmen, was ein Analysand mit seiner Art der Darstellung anstrebt. Er zeigt nun, wie es ihm entsprechen würde.

...dem Analysanden die Einsicht zu ermöglichen, dass das, was er bringt, nicht im Dienste des Widerstandes steht. Genau das hilft, „das Selbstgefühl und die Kohärenz des Bildes der eigenen Person aufrechtzuerhalten“ (S. 111).

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Neuformulierung der Erscheinungsformen, die in allen (Totalität) seinen Beziehungen zu den Menschen in konfliktvoller und schmerzlicher Weise spürbar gewesen waren.

Nun bringt der Analysand selbst die Deutung des Übertragungswiderstandes, indem er die Affekte in der Analyse mit den Erlebnissen mit dem Vater verknüpft. Die Folge kommt auf der nächsten Seite: Der Übertragungswiderstand verfällt dank der Erweiterung im Übertragungsgeschehen, nachdem sich die Emotion, die bisher an die Affekte der Abwehrreaktion gebunden war, ... sich der Übertragung in ihrer ursprünglichen, triebhaften Form mitteilte.

Das alles, bis zum Ende des Kapitels, kann hier noch nicht voll verstanden werden. Es setzt die Lektüre der vorangegangenen Kapitel und des nächsten voraus. Wir verschieben es auf den Moment, wo wir unten nochmals auf Kapitel 8 zurückkommen.

 

3. Kapitel: Prioritäten und Relativierungen.

Das Kapitel könnte sich dazu eignen, gleich nach dem ersten dranzukommen, weil es

1.      die Positionsbezüge, das Einnehmen von Gesichtspunkten, fortsetzt und vervollständigt, und

2.      eindrückliche Beispiele für die Anwendung der Dialektik enthält.

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So führt er hier den Begriff Summationseffekt ein, mit dem schon im 2. Kapitel gearbeitet wurde. Seine Ableitung  macht besonders schön sichtbar, dass und in welcher Weise die Analyse den Gesetzen der Dialektik folgt: Wegen der Vielfalt der Möglichkeiten von Interventionen oder Deutungsschritten muss ich Mittel finden, mich zu orientieren, Prioritäten wahrzunehmen in einem Zustand von Bewegung, nämlich Schwankungen, denen ich unterworfen bin, oszillieren ... um verschiedene, miteinander zusammenhängende Einfallsmodelle, ‑ es ist, als ob er einige von Lenins Elemente der Dialektik aufzählen würde ‑ was schliesslich einen Summationseffekt ergibt. Das quantitative Anhäufen von Impulsen und Eindrücken schlägt um in eine neue Qualität: vom unbestimmten Zustand des Oszillierens zur Bestimmtheit, jetzt etwas sagen zu können, was ich dann auch ausspreche. Gleichzeitig zeigt sich die Dialektik zwischen Dynamik (=Form), bestimmt durch Emotionalität, und Inhalt, bestimmt durch Einfallsfolge = Sukzession; wobei beide Teile zusammenwirken und im Verlauf einer Stunde, einer Woche, oder im Verlauf von wenigen Minuten, einen Summationseffekt von bestimmten Vorstellungen erzeugen ...etc. Der Summationseffekt bezieht sich also auf Vorstellungen im Kopf des Analytikers.

Die folgende kleine Fallvignette illustriert das

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und führt zu einer Priorität: Sie gebührt in dieser spezifischen Phase des analytischen Prozesses der Aktualisierung des Übertragungskonflikts. Es folgen Handlungsanweisungen, was ich tun und lassen kann, um dafür die richtigen Voraussetzungen zu schaffen:

·        die Priorität gilt den tiefen, unbewussten Zusammenhängen (= dem Wesen), welche in einer kritischen Stunde oder Phase an der Wurzel der komplexen, unverständlichen Erlebnisweise des Analysanden liegen. Es handelt sich zunächst nicht darum, diese unbewussten Zusammenhänge aufzuklären.

·        Dabei ist nicht die Verknüpfung mit den Inhalten etc. (=Qualität) das Primäre, sondern

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·        es steht ein rein quantitativer Faktor innerhalb der Besetzungsmodalitäten ... im Vordergrund. Wie ist das zu verstehen? Der Hinweis auf zwei Fallbeispiele verdeutlicht, dass die tiefen unbewussten Zusammenhänge, die ich einstweilen noch nicht verstehe, zu einer zunehmenden Verwirrung resp. zu einer zunehmenden affektiven Überbeanspruchung im gesamten psychischen Haushalt führten. Störende unbewusste Zusammenhänge bei beiden Partnern können ein Ausmass (=Quantität) erreichen, welch zu polar entgegengesetzten Besetzungsmodalitäten führen. Genau um das zu vermeiden, muss die Priorität den tiefen ubw. Zusammenhängen gelten, damit man das überhaupt merken und dann angehen kann. Die emotionale Bewegung – und zwar die unbewusste – , die beide Partner in der Analyse dazu führt, sich aufeinander einzulassen, müssen also in ein und demselben Sinn orientiert sein, damit der Übertragungskonflikt reaktiviert werden kann.

·        Damit dieser Priorität Rechnung getragen wird ... – das ist der Hauptgesichtspunkt, unter dem der ganze Rest dieses Kapitels betrachtet werden kann. Er erscheint dann auch als Überschrift des nächsten Kapitels.

·        Der Analytiker, und nicht der Analysand, muss sich entsprechend einstellen. Was soll das heissen, sich so einzustellen, dass das, was man besetzt, den Besetzungsmodalitäten des Analysanden entspricht, wo doch die Motivierungen für all das unergründlich (denn das Unbewusste ist wirklich unbewusst) im Unbewussten liegen? Das ist der Hauptwiderspruch in dieser Phase der Analyse, die methodische Kernfrage.
Das wird noch kompliziert durch die These, dass es dafür kein technisches Konzept brauche, dass es keine Forderung sei, sondern ein Bestandteil der Psychoanalyse selbst. Morgenthaler kann also kein einzelnes Konzept liefern, wie man diesen Widerspruch nun aufhebt, sondern nur auf Bedingungen aufmerksam machen, die das je besondere Aufheben in jedem besonderen Fall erleichtern, die dafür notwendige, wenn auch nicht hinreichende Voraussetzungen sind.

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·        Vergleich mit der Reise (=analytische Einstellung), auf der man vom ersten Moment an ist; die verschiedenen Transportmittel sind dann die möglichen Analysanden, bei denen man kompromisslos feststellen muss, ob eine Analyse überhaupt möglich ist. Das schafft eine Ausgangsposition, von der aus Probleme der psa. Technik in einem neuen Licht erscheinen, dadurch anders formulierbar. (Einnehmen von Gesichtspunkten.)

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·        Ich muss wissen, wo ich stehe. Dazu dienen Signale, die von aussen und von innen kommen. Ich muss zuerst erkennen, wie ... der Analysand auf mich anspricht. Wie ist das Echo, das ich im Analysanden erzeuge? Das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass ich mich aufdecke oder in der Übertragung mitagiere.

Die inhaltlichen Schwerpunkte des Kapitels sind damit gesetzt:

1.      Der Summationseffekt als entscheidender Moment, in welchem die frei schwebende Aufmerksamkeit in eine gerichtete übergeht, die es erlaubt, eine Deutung zu formulieren. (Anschliessend bleibt die Aufmerksamkeit vorerst gerichtet, weil es darum geht, bestätigende resp. falsifizierende Phänomene innerhalb der analytischen Situation zu sammeln und weiter deutend auszuwerten).

2.      Die Priorität gilt den tiefen, unbewussten Zusammenhängen, was mir erlaubt, die Entstehung polar entgegengesetzter Besetzungsmodalitäten zu erkennen und zu vermeiden

3.      Die Besetzungsmodalitäten müssen in ein und demselben Sinn orientiert sein, damit der Übertragungskonflikt reaktiviert werden kann. Im ganzen Kapitel geht es ums Herstellen von Bedingungen, unter denen dies passieren kann – es gibt keine Rezepte, die es erzwingen könnten.

4.      Hingegen muss ich zuerst erkennen, wie der Analysand auf mich anspricht.

·        Ich muss wissen, was ich will, und es auch aussprechen, damit ich meine Funktion spannungsfrei ausüben kann. Gleichzeitig müssen die Grenzen ... im Auge behalten werden, die vor dem Mitagieren und vor ungünstigen Reaktionen in der Gegenübertragung schützen,

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·        die ich dann besser sehen kann, wenn ich wieder Gesichtspunkte berücksichtige: 1. Der analytische Prozess zeigt nie einen linearen Verlauf, sondern eben einen widersprüchlichen – und wir sehen immer wieder, dass Morgenthaler sein ganzes Buch entsprechend diesem widersprüchlichen Verlauf aufbaut. 2. Die differenzierten Reaktionsweisen gestatten keine Simplifizierungen oder Kodifizierungen. 3. Es gibt keine Hierarchien in den Fähigkeiten der Menschen, mit den Konfliktneigungen besser oder schlechter fertig zu werden.  Das scheint mir eine Übertreibung zu sein in Morgenthalers Tendenz, beide Partner des Prozesses als gleich konflikthaft darzustellen. M.E. ist das qualitativ und nicht quantitativ zu verstehen, in gleicher Weise und nicht gleich stark. Im  Folgenden liegt m.E. der Schwerpunkt bei den Wörtern in elitärer Weise und nicht darin, dass Analyse überhaupt nicht befähigt, anderen Menschen in der Bewältigung ihrer Konflikte helfen zu können.

·        Die Konzepte der Theorie der Technik kommen eigentlich nur dann zur Anwendung ... , wenn ich auf sie zurückgreifen muss, weil ich in der Beziehung zu meinem Analysanden und bei der Aufgabe, den analytischen Prozess in Gang zu bringen, auf Schwierigkeiten stosse. Das sollte bei der Lektüre dieses Buches immer im Auge behalten werden, um nicht zu einer Überbewertung der Technik zu kommen resp. zu meinen, ich müsse in jeder Stunde so vorgehen, wie es anhand der Fallbeispiele beschrieben wird. Bei diesen handelt es sich immer um hoch spezifische Situationen, in denen sich Schwierigkeiten schon längere Zeit akkumuliert haben. Wichtig ist jedoch, dass ich eine solche Situation erkenne und die Instrumente der Theorie der Technik dann auch anwende. Morgenthaler bringt den Vergleich mit unseren Apotheken, die ich nur dann benütze, wenn ich krank bin – aber dann gezielt –, und den Vergleich mit Signalen im Strassenverkehr.

·        Offensichtlich brauche ich die Technik als ganze, um den Hauptwiderspruch, bei dem wir immer noch sind, aufzuheben. Deshalb bringt er nun grundsätzliche Überlegungen,

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·        was ich von Technik erwarten kann und was nicht, was richtige und was missbräuchliche Anwendung der Technik ist. Die verschiedenen Beispiele sollen helfen, Signale zu verstehen, welche zur Lösung des Hauptwiderspruchs beitragen können.

·        Die Konstruktion der analytischen Situation gibt die Möglichkeit, dem analytischen Prozess innerhalb eines mittleren Bereiches zu folgen, zwischen schwereren Regressionen (s. Kap. 1) und grossem Agieren.

·        Warnung vor der Überbewertung der Technik (S. 50 oben).

·        Er erklärt, warum wir die Grundregel nicht in expliziter Form anwenden. Sie hat historische Gründe.

·        Sehr schön die Aufmerksamkeit auf den kleinen Dingen, die der Analytiker unbeobachtet tut. Er erklärt sie als Ersatzhandlungen (S. 52), die mit einem schwer fassbaren Gewissenskonflikt zusammenhängen, der den Analytiker fast stets zu einem Kompromiss zwischen den Zielen des analytischen Prozesses und den ungeschriebenen Forderungen der Gesellschaft zwingt. (Diese Forderungen verstärken sich natürlich durch die chronische Wirtschaftskrise, weshalb dieser Gesichtspunkt an Aktualität gewonnen hat.)

·        Die Konstruktion des Settings dient einzig dazu, mir die Möglichkeit zu geben, dem analytischen Prozess innerhalb eines mittleren Bereichs zu folgen (S. 53): Emotionale Durchbrüche sind noch möglich und Reaktionen, die jenseits der Regression im Dienste des Ich stehen, werden vermieden (vgl. Kap. 1).

·        Wenn man aber die Analyse einmal begonnen hat, muss man sie auch fortsetzen, weshalb die gute subjektive Indikationsstellung so wichtig ist!

·        Die analytische Situation unterscheidet sich von einer Begegnung, die ich aus Faszination am Gegenüber fortsetzen möchte. Nicht Faszination noch Gleichgültigkeit, sondern mein psychoanalytisches Interesse  bestimmt mich, die Beziehung zu meinem Analysanden herzustellen.  Die Enttäuschung des Analysanden darüber hat reale Gründe, aber es hat wenig Sinn, das zu bedauern oder es abschwächend zu verwischen etc. (S. 55f).

·        Weder der Analytiker noch der Analysand sollten sich ausserhalb der Sitzungen stark mit der Analyse beschäftigen müssen. Ambivalente Einstellung Morgenthalers zu Supervisionen als „Fremdgänge“. (S. 56)

·        Konfliktneigungen ..., die keineswegs nur beim Analysanden, sondern in nicht geringerem Mass auch beim Analytiker bestehen. (S. 57).

·        Die Serie von Anweisungen und Hinweisen können etwas ätzend wirken, ähnlich dem, was Morgenthaler bekämpft, wenn gleich zu Beginn der Analyse zu viele Anweisungen und Hinweise gegeben werden. Andererseits klären sie seine Standpunkte, die Morgenthaler einnimmt und von denen aus er seine Theorie der Technik so und nicht anders entwickelt.

·        Sehr schön ist das Bild am Schluss: Disharmonien, wie in der modernen Musik, so aneinanderzureihen, dass sie in der Übertragung, die sich entwickelt, harmonisch klingen. (Auch eine widersprüchliche Einheit). Darin gründet wesentlich die Aktualisierung des Übertragungskonflikts.

 

4. Kapitel: Die Aktualisierung des Übertragungskonfliktes

Dieses Kapitel hat deshalb etwas Irritierendes, weil Morgenthaler sein ganzes Buch nicht liniear aufbaut, in Analogie des nicht-linearen Verlaufs der Analyse, den er im letzten Kapitel herausstrich (S. 48). Es sind 3 Fallvignetten, und nur die zweite wird ausführlicher ausgeschöpft.

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...die neurotischen Fixierungen... werden in der Aktualisierung eines allmählich sich entwickelnden Übertragungskonfliktes reaktiviert. Der Begriff Fixierung stammt nicht aus der Theorie der Technik, sondern aus der Metapsychologie, der Theorie der Triebentwicklung, die an bestimmten Stellen Fixierungen erleiden kann. Das folgende Beispiel zeigt etwas, das nicht genau der Aussage dieses Satzes entspricht: Die Fixierungen werden nicht unbedingt allmählich reaktiviert, sondern können die Übertragungsentwicklung schon ziemlich am Anfang blockieren.

Warum entwickelt sich der Übertragungskonflikt nur allmählich? Morgenthaler benützt einen Übertragungsbegriff, der eine Objektbeziehung voraussetzt. Diese entwickelt sich zu einem bestimmten Analytiker und umfasst eben gerade nicht Haltungen und Fixierungen, welche der Analysand bei jedem anderen Analytiker auch zeigen würde. Schliesslich ist der Begriff Aktualisierung wichtig: Übertragungskonflikte sind latent immer vorhanden und zeigen sich in den Beziehungen, welche der Analysand schon ausserhalb der Analyse eingegangen ist. Es geht darum, dass er sich innerhalb der Analyse aktualisiert.

Es folgt die Fallvignette (50 Analysestunden, Vorstellung im technischen Seminar) mit den drei Enttäuschungen: Mann, Jugendfreund, Analytiker. Weil die Enttäuschungsreaktion sehr früh und ganz plötzlich in Erscheinung getreten war, konnte sie also zweifellos nicht Ausdruck einer Übertragungsentwicklung sein, die ja allmählich einsetzt. Entsprechende Deutungen, die gegeben werden, sind keine Übertragungsdeutungen, sondern Darstellungen von bewusstseinsfähigen Inhalten.  Morgenthaler spricht dann von einer Fixierung, die den analytischen Prozess blockierte, wohl weil der dahinter liegende Konflikt sich in der Übertragung eben gerade nicht aktualisieren konnte. Die Exhibitionshemmung (also Resultat einer Fixierung, die den Sprung auf die phallisch-exhibitorische Stufe der Triebentwicklung verhindert) entspricht in diesem Moment einer Hypothese Morgenthalers, die er aus seinen metapsychologischen Kenntnissen ableitet und nicht aus der Theorie der Technik. Allzuviele Möglichkeiten gibt es da nicht (Fixierungen auf der oral-kannibalistischen, der anal-sadistischen oder der phallisch-exhibitorischen Stufe der Triebentwicklung).

Es muss eine Konfliktualisierung in der Übertragungsentwicklung in Erscheinung treten, damit Analysand und Analytiker das Gefühl haben, in der Analyse stimme es, es komme etwas in Gang. Diese Konfliktualisierung reaktiviert die Fixierungen, die mit den Symptomen und den seelischen Störungen des Analysanden in einem kausalen Zusammenhang stehen, aber auch mit den Widerständen, die sich in der Übertragung ausbilden.

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Von der emotionalen Bewegung geht die Übertragungsentwicklung aus, und was sich darin darstellt, kann nur dann sinnvoll gedeutet und durchgearbeitet werden, wenn es in seiner Übertragungsbedeutung verstanden wird.

Morgenthaler wiederholt, dass Widerstände stets die Folge einer bereits entstandenen Übertragung sind. Diese kann höchstens durch Hindernisse gebremst werden. Der Leidensdruck kann die Übertragungsentwicklung höchstens verzerren. Natürlich könnte man auch eine andere Terminologie einführen. Terminologien sind ja Konventionen, Werkzeuge der Erkenntnis; wir entschliessen uns zu einer bestimmten Terminologie, weil diese als Werkzeug am wirksamsten ist. Für Morgenthaler ist es die einzig Sinnvolle. Widerstand ist ein eng gefasster Begriff aus der Theorie der Technik, im Gegensatz zu Hindernis (deskriptiv) oder Fixierung (Begriff aus der Metapsychologie).

Bevor man von Widerständen im analytischen Prozess sprechen kann,

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sollte man sich stets ein Bild von der Übertragungsentwicklung gemacht haben. Die Übertragung lässt sich an der Aktualisierung spezifischer Konfliktneigungen in der Beziehung des Analysanden zum Analytiker ablesen und schliesst die Erlebnisweise beider Partner ein. Sie zeigt sich im Erlebnisbereich der analytischen Situation, die für beide PartnerInnen neuartig ist. Darin entwickelt sich eine Einsicht, die es dem Analysanden ermöglicht, einen Kontrast zwischen Phantasie und Wirklichkeit zu erleben. Die Phantasien hängen mit den Vorstellungsinhalten zusammen, die mit der Person des Analytikers verbunden sind, während die Wirklichkeit in dem zum Ausdruck kommt, was die reale Beziehung zu diesem Analytiker eigentlich ausmacht. Um sich ein Bild von der Übertragung und der darin aktualisierten Konflikte zu machen, muss eine Hypothese über die ubw. Ursachen dieses Kontrastes aufgestellt werden.

Damit sind die 3 Elemente genannt, welche in einer vollständigen Übertragungsdeutung explizit enthalten sein müssen:

1.      befremdliche Vorstellungsinhalte gegenüber dem Analytiker,

2.      ihr Kontrast zur Realbeziehung und

3.      die ubw. Ursache dieses Kontrastes.

Hier wird das Fehlen eines eigenen Kapitels zur Übertragungsdeutung deutlich. Wir müssen uns dieses Kapitel selbst aus dem Text extrahieren, anhand der wenigen klaren Aussagen dazu und der praktischen Beispiele in diesem Kapitel sowie in dem über die Identifikation.

Was ergänzt werden müsste: Die Verifikation einer Übertragungsdeutung besteht nach Morgenthaler aus drei Elementen:

1.      eine Veränderung innerhalb der Beziehung, im Sinn einer Entspannung in der Übertragung

2.      eine passende Antwort des Unbewussten des Analysanden, z.B. ein Traum, eine Fehlleistung etc.

3.      eine Fülle passender Assoziationen des Analysanden aus dem gegenwärtigen und vergangenen Leben

Die Übertragungsentwicklung und die damit verbundene Einsicht sind das, was den Prozess vorwärtsbringt, ihn stimmig erscheinen lässt, während die nachfolgenden Widerstände ihn hemmen. Das soeben Beschriebene liefert die Grundlage der Übertragungsdeutung. Eine solche wird im folgenden Beispiel illustriert, und zwar Schritt für Schritt kommentierend, in welcher Reihenfolge was kommt:

·        nicht deuten, man sei nun zum Vater geworden

·        das Befremdungsgefühl wirken lassen

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·      das Erleben des Absurden, des Fremdkörpers aus der Vergangenheit führt zur Vertiefung des analytischen Prozesses, weil es etwas erschüttert, emotional bewegt.

·      Das bewirkt eine Veränderung der Beziehung, zu einer Entspannung in der Übertragung.

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·      Die Deutung der Übertragungsinhalte erfolgt erst nach der Deutung der Übertragungsdynamik (also der Deutung des Kontrastes zwischen Phantasie und Wirklichkeit innerhalb der Beziehung).

·      Diese Inhalte beziehen sich darauf, welchen unbewussten Wünschen er zu folgen versuchte. ... Ein Deutungsschritt erfordert relative Vollständigkeit, die nur dann gegeben ist, wenn die Bedürfnisspannung, die solcher Projektion zugrunde liegt, bewusst gemacht wird.

·      Er nennt dann die beiden Richtungen des allmählich aktualisierten Übertragungskonfliktes. Das ist die Qualität der Aussage S. 61/62, dass man sich ein Bild von der Übertragungsentwicklung gemacht haben soll, bevor man von Widerstand spricht. 

·      Morgenthaler nennt die zwei Richtungen des allmählich sich aktualisierenden Übertragungskonfliktes. Das ist hier irritierend, einerseits, weil man es ihm einfach glauben muss, ohne ausführlicheres Material dazu zu bekommen, andererseits, weil nicht ein einfacher Trieb-Abwehr-Konflikt dargestellt wird, sondern ein Trieb-Trieb-Konflikt (zwei Wünsche) mit ihren jeweiligen Abwehren. Man könnte vielleicht besser sagen: Wenn der Analysand einer übermächtigen Autoritätsperson gegenübersteht, muss er ihre Auswirkungen dadurch beseitigen, dass die Verkennung eines körperlichen Gebrechens herangezogen wird – sofern er sich nicht mehr passiv unterwerfen will. Wie dem auch sei: Morgenthaler fordert von uns, dass wir eine ausgearbeitete Hypothese über den sich aktualisierenden Übertragungskonflikt entwickeln (und auch deuten!), bevor wir von Widerständen sprechen können.

Es geht also um die richtige Abfolge: Wahrnehmung der emotionalen Bewegung – umfassender Deutungsschritt – Einsicht sinnvoll ermöglichen. Wieder der Summationseffekt,

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dem wir in unseren Assoziationen besondere Aufmerksamkeit schenken sollen, nicht unseren eigenen Schwierigkeiten. Dies würde uns hindern, die Instrumente der Theorie der Technik bewusst heranzuziehen. Wir neigen dann zu Deutungen, die die Gegenübertragung betreffen, und die sind meistens falsch.

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Es folgt eine weitere Fallvignette, deren Bearbeitung sich dann auch ins nächste Kapitel fortsetzt: Ein selbständiger Kaufmann, „Schutzengel“ für die Familienangehörigen, der dann Arbeitsstörungen entwickelt.

Zuerst kommt die Vorgeschichte zur folgenden Stunde, der ersten von zwei dargestellten: eine Arbeitsstörung und die Wut darüber,

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worüber er aber entspannt berichtete. Es geht darum, diese Entspannung aufrecht zu erhalten, indem das Befremden über die Arbeitsstörung geteilt wird. Dass das mit der Analysestunde zu tun hat, weiss er selbst, und was er selbst weiss, soll er auch selbst aussprechen. (Hingegen kann er nichts Unbewusstes selber deuten, sondern das ist unsere Aufgabe).

Es folgt die zweite Stunde: Verstärkung der Arbeitsstörung, fröhlicher Gang zur Analyse,

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das frustrierte Sich-ausgenützt-fühlen durch seine Freunde beim Abwaschen am Vorabend.

Fragestellungen: Wird bei mir ein Summationseffekt auftreten oder nicht? Und in welche Richtung bewegen sich die emotionalen Schwankungen, denen der Analysand unterworfen ist? Empathie reicht nicht aus, sondern es braucht die Anwendung eines Instrumentes der psychoanalytischen Technik.

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Das Erlebnis der Analysestunde darf nicht noch einen Leidensdruck beim Analysanden entstehen lassen. Was gelingen muss: eine polar entgegengesetzte Besetzung in der Beziehung zwischen Analysand und Analytiker ... zu vermeiden. Nicht die Beziehung mit dem Störfaktor einer bewusstseinspsychologischen Verknüpfung zu durchsetzen. Eine Konfusion in der Übertragungsentwicklung wurde in diesem Fall vermieden. Man braucht sich keine weiteren Gedanken darüber zu machen.

Darauf  Sehnsucht nach der bevorstehenden Analysenstunde, ohne sie zu agieren.

Das grössere emotionale Angebot bringt normalerweise auch ein grösseres Angebot an Einfällen. Es kommt aber eine Einfallslücke, weil er entweder Gefühle in der Beziehung nicht sagen kann, oder

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weil sie durch eine echte Verdrängung bestimmter Vorstellungsinhalte bedingt wäre. Dann fällt dem Analysanden wirklich nichts ein.

Er entwickelt die Hypothese eines Übertragungswiderstandes, die er nicht als falsch bezeichnet, aber die Tendenz des Analysanden, mit mir eine gute, entspannte, konfliktfreie Beziehung aufrechtzuerhalten, hat Priorität. Es sei möglich, dem Analysanden mit einer Deutung zu zeigen, weshalb er in allen anderen Beziehungen stets in ambivalente Gefühlseinstellungen gerät, ohne dass er diese Gefühlseinstellung in seiner Beziehung zum Analytiker reaktivieren muss.

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Die unambivalente Gefühlseinstellung zum Analytiker als Voraussetzung für eine sinnvolle Deutung. Die Einfallslücke könnte mit verdrängten positiven Gefühlen zusammenhängen.

Jetzt kommt es darauf an, dass er eine neue Erfahrung macht. Erst danach kann das gedeutet werden, was mit seiner Ambivalenz zu tun hat. Die Neurose schmelze im Feuer der Übertragung ein (Freud).

 

Auch wenn etwas nicht sagen will, ist das so aufzufassen, dass er es nicht sagen kann.

Morgenthaler beschreibt alle Versuchungen, dem Analysanden kausale Deutungen zu geben, und wie dieser versucht ist, darauf einzugehen, im Sinn einer Verbrüderung, was letztlich dem Widerstand dient: dem analytischen Prozess mit Hilfe der Waffen, die er aus dem Arsenal der Vergangenheit hervorzieht, zu entgehen und sich der Übertragungsentwicklung (die längst in Gang gekommen ist) zu widersetzen, wo er kann.

Das Kapitel schliesst ohne Lösung: Die konsequente Anwendung des empfohlenen Konzeptes führt nicht weiter. Es bleibt das Bild vom Analytiker als verspätetem Gast des Analysanden.

 

5. Kapitel: Die Identifikation.

Offenbar diente die Exposition des Falles mit der Arbeitsstörung im letzten Kapitel dazu, zu zeigen, wie man mit der Anwendung der bisher entwickelten technischen Konzepte (die Sukzession im Assoziationsverlauf und Das Bewusste kann nicht gleichzeitig das Unbewusste sein) nicht weiter kommt. Er führt daher ein weiteres Konzept ein: Die Identifikation.

Ich empfehle, das Kapitel in zwei Durchgängen zu lesen. Beim ersten mit Blick auf den Begriff Identifikation mit allen Zuordnungen, Definitionen und Beispielen, wie er gebraucht werden kann. Beim zweiten ginge es darum, aus dem Text das herauszuziehen, was zur Übertragungsdeutung drinsteht. Das Beispiel aus diesem Kapitel enthält m.E. – angewendet an der speziellen Verwendung der Identifikation – alle wesentlichen Gedanken Morgenthalers dazu (vgl. auch oben, Kasten zu Seite 62).

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Das Unbewusste ist absurd, also in der Regel nicht vernünftig, und deshalb entspricht ihm die Anwendung des absurden Prinzips, die Abfolge der Sukzession kausal aufzufassen. Darauf markiert er wieder Positionen: Die Psychoanalyse führt nie weiter. Sie führt gewöhnlich zu etwas ganz anderem, als man denkt. Mit der Psychoanalyse können keine Fortschritte erzielt werden  eine nicht besonders dialektische Ausdrucksweise; natürlich gibt es auch Fortschritte. Es gibt nur Wandlungen. Im analytischen Prozess wandeln sich die Dinge langsam und unter Hindernissen. Hinder-

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nisse sind nicht lästige Störungen, denn in ihnen sind die unbewussten Motivierungen enthalten.

Mir der Sukzession im Assoziationsverlauf ist hier nicht weiter zu kommen. Ich bin gezwungen, etwas Neues einzuführen.

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Das Neue, das ich einführen muss, ist eine Abstraktion, mit welcher der analytische Prozess in seinem aktuellen Stand nicht mehr unter einem linearen, sondern unter einem dialektischen Gesichtspunkt verstanden wird. Morgenthaler abstrahiert von der Sukzession im Assoziationsverlauf, um den Gegenstand aus einem andern Gesichtspunkt, mit einem neuen Instrument zu betrachten. Ein exemplarisches Vorgehen bei der Anwendung der dialektischen Methode. Dasselbe hatte er bereits getan mit der Einführung des Konzepts Das Bewusste kann nicht gleichzeitig das Unbewusste sein, was er allerdings in diesem Kapitel unterschlägt.

Die Identifikation: Es handelt sich um einen Begriff aus der Metapsychologie, und zwar sowohl aus der Libidotheorie als auch der Ichpsychologie, um Prozesse in der psychischen Entwicklung darstellen zu können. Identifikation heisst  ... ein psychologischer Prozess, durch den eine Person (etwas) von einer anderen annimmt und sich dadurch verändert. Die Identifikation kann vollständig oder partiell sein. Das Ich baut sich zum grossen Teil aus solchen Identifikationen auf. Der Begriff bezeichnet also eine Gesetzmässigkeit, ... um Prozesse in der psychischen Entwicklung darstellen zu können. Neben dem Gesichtspunkt der Libidotheorie und der Ich-Psychologie nimmt Morgenthaler also auch den Gesichtspunkt der Entwicklungspsychologie ein. Identifikationen sind unentbehrlich beim Aufbau des Ich, aber sie sind auch eine Vorstufe der Liebesbeziehung (S. 77). Ferner treten sie gesetzmässig bei Objektverlusten auf, ein Vorgang, dem Freud seine Arbeit Trauer und Melancholie zugrunde gelegt hat (S. 77). Identifikation bezieht sich auf einen Prozess, der im Gange ist, oder auf einen Zustand, der eingetreten ist, nachdem ein Prozess abgelaufen ist. Illustriert wird das am Beispiel einer Identifikation mit dem Vater.

Diesen metapsychologischen Begriff führt Morgenthaler nun in die Theorie der Technik ein. Als Voraussetzung dazu sei der analytische Prozess so zu gestalten, dass sich die Identifikationen ungestört entwickeln können. Ist der Analysand in der Lage, die Beziehung zu mir konfliktfrei zu erhalten, darf ich mich nicht so einstellen, als müsste ich das gleichsam Versäumte durch meinen Beitrag nachholen. Ein ach so häufiger Fehler! Um diesen Fehler zu vermeiden, empfiehlt er genau an dieser Stelle: Weil ich mich zu meinem Analysanden grundsätzlich so einstelle, dass ich ihn mit all seinen Störungen, Konfliktneigungen und Symptomen (die dadurch nicht verleugnet oder wegdefiniert werden)  so gesund wie möglich und nicht so krank wie möglich einschätze, nehme ich auch an, dass er sich mit mir identifiziert, wenn er sich in den analytischen Prozess einlässt. Das wäre der allgemeine Gesichtspunkt zur Identifikation im Rahmen der Theorie der Technik.  

Die spezielle technische Anwendung der Identifikation geht nach meiner Interpretation davon aus, dass der unbewusste Regisseur des Analysanden an (vorübergehenden) Veränderungen der eigenen Person darstellt, was er über das Erleben des Analytikers phantasiert. Oder er stellt an sich selber Persönlichkeitsveränderungen des Analytikers dar, die er phantasiert. Er kann auch richtige Wahrnehmungen des Analytikers an der eigenen Person darstellen.

Unterscheidung von autoplastischer und alloplastischer Identifikation.

77

Alloplastische Identifikation steht der Projektion nahe. Das erste Beispiel kann man auch als Verschiebung bezeichnen, Verschiebung der Strenge meines Vaters auf alle Behörden. Das andere: Ich schreibe ein Attribut meiner eigenen Person einer anderen zu. (Er spricht hier nicht von projektiver Identifikation, obschon der Begriff genau diese gut beschreiben würde. Es bleibt unklar, ob er damit diese meint oder das Phänomen, das er später anhand des Fallbeispieles zeigt, nämlich den Vorgang, bei dem der Analysand an sich selbst darstellt, was er über den Analytiker phantasiert oder was er sich von ihm wünscht.)

Er hebt die Aspekte hervor, die für die Theorie der Technik besonders ins Gewicht fallen. Einer: Identifikation als Form der Beziehung zum Objekt, als Vorstufe der Liebesbeziehung.

Wenn eine Objektbeziehung aufhört, tritt häufig eine Identifikation mit dem verlorenen Objekt ein. Freud hat darauf seine Arbeit Trauer und Melancholie begründet. Das Ich ist aus den Identifikationen mit früheren Liebesbeziehungen aufgebaut. Das ist der Aspekt, der zur libidinösen Seite des Begriffs, zur Libidotheorie, gehört. Er kommt dann zur Abwehrseite: Bei der Frustration libidinöser Bedürfnisse und bei jedem unerträglichen Triebanspruch kann eine Identifikation im Ich aufgerichtet[3] werden, die den Konflikt zwischen ambivalenten Strebungen vorübergehend zum Schweigen bringt.

Diese Identifikationen als Abwehr spielen bei der Entwicklung des analytischen Prozesses eine grosse Rolle. Sie stehen oft im Dienst der Vertiefung der analytischen

78

Beziehung und haben, technisch gesehen, eine progressive Bedeutung. Ihr Abwehrcharakter (im Ich) wird in der Analyse keineswegs immer als erstes hervorgehoben. Das Erleben (mit Energie aus dem Es) hat Priorität.

Das Resultat der Verführung wird beschrieben und die gegenseitige Verführung als konstitutiv für den Prozess dargestellt: Eine richtig verstandene analytische Auswertung der Verführungsthematik ergibt, dass sich progressiv wirksame Identifikationen einstellen, die einerseits die Einsicht im Deutungsprozess begleiten und andererseits dazu beitragen, dass die Besetzungen in der Beziehung zwischen Analysand und Analytiker im gleichen Sinn und nicht polar entgegengesetzt vorgenommen werden. Diese Gewichtung von Verführung und Identifikation scheint mir ein weiterer Beitrag von Morgenthaler zur Technik zu sein, der sonst in der Literatur kaum zu finden ist[4]. Desexualisierte Verführung natürlich!

Identifikationen gehen der Einsicht im Deutungsprozess voran.

79

Auf diesem Wege wird auch jeder analytische Prozess, zu Beginn einer Analyse, eingeleitet. 

Ich frage deshalb überall dort, wo die Betrachtung der Sukzession nicht ausreicht, ... nach der möglichen Identifikation des Analysanden mit mir (und konsequenterweise auch umgekehrt.)

Nun wendet er das Gesagte auf das Beispiel vom Ende des letzten Kapitels an: Er nimmt an, dass sich der Analysand auf Grund einer früheren gelungenen Deutung mit dem Analytiker identifiziert hat. Hypothese: Diese Identifikation verursachte die Arbeitsstörung, und das bewirkte die Wut auf die kommende Analysestunde. Weil diese Hypothese auf Grund des bisher Gesagten fast zwingend ist, aus dem Material aber nicht erklärt werden kann,

80

muss dieses eine Lücke haben, muss ein wichtiges Glied fehlen, das zur Klärung des Übertragungswiderstandes fehlt. Solange aber ein wichtiges Glied fehlt, soll keine Deutung gegeben werden, denn die würde nur zur Rationalisierung führen; vielmehr macht der Analytiker alles, um die Beziehung konfliktfrei zu halten und den Analysanden nicht in eine bestimmte Richtung zu drängen. Dadurch verstärkt sich die Identifikation.

Man muss merken, dass ein wichtiges Glied fehlte: Hier drängt sich der Bezug zur Grundregel auf: Ihre Anwendung versucht, kein Glied der Assoziationskette auszulassen. Auch wenn wir es falsch finden, sie explizit anzuwenden, bleibt sie implizit bestehen. Solange wichtige Glieder fehlen, können wir oft nicht deuten.

81

Weil der Analysand sich mit mir so intensiv identifiziert hatte, fiel ihm nichts ein. Um hier weiterzukommen, benützt er deutend den Grundsatz, dass das Bewusste nicht das Unbewusste sein kann (wobei jeder es in der Form sagen soll, die zu ihm passt) – und siehe da, auf Seite 83 untere Hälfte wird klar, dass diese Intervention die Einfallslücke füllte, das fehlende Glied beisteuerte.

Aber wir sind erst auf Seite

82

und lassen uns ein dialektisches Konzept der psychoanalytischen Technik erklären, nämlich das der Polarisierungen, eine dialektische Einheit von progressiven und hemmenden Einflüssen. Die Polarisierung, die er mit der erwähnten Intervention in den bewussten Vorstellungen des Analysanden herbeizuführen suchte, verweist auf den polaren Gegensatz zwischen dem, was er empfindet, und dem, was er in der Realitätserfahrung des analytischen Prozesses erlebt, also auf innerpsychische kognitive Vorgänge, die einen befremdenden Eindruck im Analysanden erzeugen, weil alte, fixierte Erlebnisweisen wie Fremdkörper in eine ganz andersartige aktuelle Beziehung einfliessen. Sie haben andererseits einen ungünstigen, den analytischen Prozess hemmenden Charakter, wenn sie in der Beziehung zwischen Analytiker und Analysand auftreten. Dies ist so, weil dann alte, fixierte Erlebnisweisen leicht in ihrer ursprünglichen Form in die aktuelle analytische Beziehung einfliessen... Man kann sagen, der Wiederholungszwang realisiert sich auf der Ebene

83

nicht mehr von kognitiven bewusstseinsfähigen Inhalten, sondern von affektiven Verhältnissen.

Die progressive, intrapsychische Form der Polarisierung ist stets der erste Schritt in der Wahrnehmung des Unbewussten. Vorher gibt er keine Deutung, und es braucht oft Zeit und mehrere Anläufe, um das zu erreichen; oft ist es sofort möglich, wenn die Beziehung nicht verlogen ist.

Beim Vorliegen eines Verdrängungswiderstandes (im Gegensatz zum gerade behandelten Übertragungswiderstand) ist es umgekehrt, weil der Analysand da sofort ein Gefühl der Befremdung hat. Wenn ich dann eine Deutung gebe, muss ein sinnvoller Inhalt bereitliegen.

Hier werden die Grundlagen gelegt, um überhaupt eine Übertragungsdeutung aufbauen zu können: Es muss eine Polarisierung in den bewussten Vorstellungen des Analysanden herbeigeführt werden[5] (und nicht in den unbewussten Einstellungen zwischen beiden Partnern, wovon er in früheren Kapiteln sprach). Eine vollständige Übertragungsdeutung wird beide Pole in ihrer Widersprüchlichkeit deutend beschreiben – der Inhalt muss an dieser Stelle noch warten. Im vorliegenden Beispiel heisst das, zu zeigen, wie sich die Polarisierung zwischen absurder Angst, Vorwürfe vom Analytiker zu erhalten, und der entspannten Realbeziehung herstellt (bis S. 86 unten) und ein Befremdungsgefühl erzeugt. Dann kommt die Deutung des Inhalts, auf den er in diesem Fall über die technische Anwendung der Identifikation kommt: Weil die Liebesgefühle und der Wunsch, geliebt zu werden, für das Bild, das er von sich selbst aufrecht erhält[6], zu stark geworden sind, musste er seinen analytischen Partner in seinen unbewussten Phantasien beauftragen, dafür zu sorgen, diese Gefühle zu mässigen (S 87) – indem er ihm bitte Vorwürfe machen soll. Dabei geht es nur um die Klärung, was sich zwischen beiden Partnern unbewusst abspielt, ohne Verknüpfung mit den Kindheitserlebnissen mit Mami und Papi. (Es gibt nur den Hinweis, dass es wohl damit etwas zu tun haben müsse (S. 88 oben), doch dies ist im Moment, wo die Übertragungsdeutung gegeben wird, noch nicht bekannt (es wird Inhalt der rekonstruktiven Deutung sein, s. Kapitel 9).

Der Begriff „Übertragungsdeutung“ suggeriert fälschlicherweise, wir müssten dabei den Inhalt von dem deuten, was wir aus der Vergangenheit des Analysanden schon wissen, was er aber unbewusst überträgt. Das Vorgehen ist aber genau umgekehrt (s. Seite 89 oben). Die Widerstandsanalyse (im engeren Sinn) ist erst nach der Übertragungsdeutung angesagt (vgl. den letzten Absatz S. 91.

Nun fährt er also mit dem Beispiel fort: Der Analysand berichtet ein neues Erlebnis vom Vormittag,

84-85

wo er den Freund gegenüber dem Chef deckt und dann sauer auf ihn ist. Morgenthaler hat nun offensichtlich einen Summationseffekt aus der Kombination von Sukzession und Identifikation, den er dann in direkter Rede zwischen ihm und dem Analysanden darstellt: Am Morgen identifizierte er sich mit dem Chef, als er dem Kollegen innerlich Vorwürfe machte; er fürchtet auch Vorwürfe von seinem Analytiker;

86

der Analysand hat sich auch mit dem Analytiker identifiziert. Er projiziert (wohl eher verschiebt) die mögliche Vorwurfshaltung auf mich. Dann hat er die Einfallslücke, weil er die Projektion nicht aufrecht erhalten kann. Sie ist absurd, entspricht der analytischen Beziehung nicht, macht sich als befremdend bemerkbar und muss nun gedeutet werden, damit der Zusammenhang mit den unbewussten Triebbedürfnissen, die sich in der Übertragung entwickelt haben, erkannt werden kann und auch die Triebregungen selbst bewusst werden.

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Er stellt nun die Deutungstechnik im Dialog dar, wobei eine vollständige Deutung gegeben werden muss: Die Kriterien für eine vollständige Deutung liegen in der Berücksichtigung und Erfassung aller Stationen, die bei der Verfolgung der Sukzession im Assoziationsverlauf angetroffen wurden: Die Arbeitsstörung des Analysanden entspricht einer phantasierten Arbeitsstörung des Analytikers, ebenso die Wut, in der nächsten Stunde analog die Freude. Das hat bei Ihnen den Ausfall der Gedanken bewirkt. Die Rücksichtslosigkeit der Freunde, die sich ihm zuwenden, entspricht der Phantasie, der Analytiker empfinde den Analysanden als rücksichtslos.herbeizuführen Er kann die eigenen Gefühle nicht ertragen, die vom Analytiker fordern, dass er ihn liebt. Das ist die Triebregung, die gedeutet wird. Um das zu verleugnen, stellen Sie an ihrer eigenen Person dar, wie ich mich gegen sie zur Wehr setzen müsste. Und hier spricht er dann von Verschiebung und nicht von Projektion.

Er musste seinen analytischen Partner in seinen unbewussten Phantasien beauftragen, dafür zu sorgen, diese Gefühle zu mässigen und zurückzuweisen. Er konnte seine Gefühle mit dem

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Bild, das er von sich hatte, nicht mehr in Einklang bringen. (Diese und ähnliche Formulierungen zeigen den Einbezug der Narzissmustheorie in Morgenthalers Theorie der Technik, ähnlich wie andere Stellen den Einbezug der Ichpsychologie zeigen.) An dieser Stelle, wenn also ganz klar geworden ist, was zwischen Analytiker und Analysand vorgeht, kann und soll dann der Bezug zur Lebensgeschichte gemacht werden.

Es folgt eine Zusammenfassung der dargestellten Schritte, die zur Deutung der unbewussten Regungen führten, welche hinter Übertragungswiderstand und Einfallslücke standen. Es wird nochmals betont, dass es hier mehr als nur Einfühlung braucht, um das unmerkliche Abgleiten in Rationalisierungen zu vermeiden.

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Die Gefahr, die vermieden werden muss, kommt daher, dass man zu früh Widerstände zu erkennen glaubt oder aggressive Regungen deutet als Projektionen grosser Figuren aus der Kindheit auf den Analytiker. Durch solche und ähnliche Fehlschlüsse kommt es leicht dahin, dass viel zu früh und in unzweckmässiger Weise rekonstruktive Deutungen angeboten werden, die die Beziehung zum Vater oder zur Mutter betreffen und mit der Rolle des Analytikers im Übertragungsgeschehen verknüpft werden, ehe sich die Beziehung so weit geklärt und vertieft hat, dass von einer solchen Bedeutung überhaupt gesprochen werden kann. Zuerst muss klar sein, was in der Beziehung wirklich läuft, und dann erst dürfen (und sollen) Rollendeutungen gegeben werden.

Es folgt ein Plädoyer für die Anwendung der technischen Hilfsmittel, um die Analyse nicht von Anfang an auf das zu beschränken, was der gesunde Menschenverstand in der Lage ist, durch Einfühlung und Vergleich mit sich selbst zu erraten. Ich vergleiche das jeweils mit einem Berufsmusiker, der sich nur auf sein intuitives Musikgehör verlässt und darauf verzichtet, den Quintenzirkel anzuwenden. Ein solcher könnte niemals bestehen, aber Analytiker nehmen immer wieder an, ohne Anwendung der Gesetzmässigkeiten der Theorie der Technik als Professionelle bestehen zu können!

Erkennen des Momentes, wann und wie das quantitative Sammeln und Ordnen von Beobachtungsmaterial einen qualitativen Umschlag in eine emotionale Bewegung erfährt, die den Analysanden wie auch den Analytiker betrifft. Eine authentische Anleitung zur Anwendung der dialektischen Methode.

Die zwei Ebenen, auf denen man sich im psychoanalytischen Prozess

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bewegt, sind einerseits die Ebene des methodisch-technischen Vorgehens und andererseits die Ebene des dialektischen Wechselspiels dynamischer, intrapsychischer Prozesse. Die Technik ermöglicht überhaupt, dass die erste Ebene zugunsten der zweiten verlassen werden kann, ... und nur so ist es auch möglich, in die Deutungsarbeit die metapsychologischen Erkenntnisse einzubauen.

Es folgt die Ausführung der Metapher vom verspäteten Gast: So sass noch niemand zuvor. Wichtig, und in selbstverständlicher Übereinstimmung mit dem, was Laplanche ein Anliegen ist: In der analytischen Beziehung entwickelt sich immer aus dem emotionalen Angebot des Analytikers, also aufgrund seiner Verführung (im Rahmen der „allgemeinen Verführungstheorie“) ein emotionales Echo des Analysanden, das die Spuren der Vergangenheit trägt. Er kommt in einen emotionalen Aufruhr, den ich nicht verstehen und in den ich mich nicht einfühlen kann ..., weil ich nicht dabei war, als das geschah, wovon auch der Analysand nichts mehr weiss.

91

Man muss die Grenzen erkennen, wo es nicht mehr darum geht, weiteres Material zu sammeln, sonst gewinnt die neurotische Wiederholung die Oberhand statt der emotionalen Bewegung. Widerstände, Symptome, Aggressionen, erotische Wünsche und Befürchtungen, ... die in der Analyse reaktiviert werden, dürfen, aus prinzipiellen Gründen, so lange nicht als das verstanden werden, was sie sind, wie sie sich bloss in den Dienst der Verhinderung oder Einschränkung einer emotionalen Antwort auf das emotionale Entgegenkommen des Analytikers stellen. Das emotionale Entgegenkommen als wohltuender Kontrast zur sogenannten falsch verstandenen analytischen Abstinenz!

Der Rest ist zusammenfassende Wiederholung.

[An dieser Stelle könnte ein link gemacht werden zum Kapitel VI. Das Kapital von Marx als angewandte Wissenschaft der Logik meines Dialektik-Artikels im WERKBLATT Nr. 51.]

 

6. Kapitel: Der Übertragungswiderstand.

92-94

Als Übertragungswiderstände im engeren Sinn definiert Morgenthaler im ersten Abschnitt der Seite 94 Ich-Leistungen, die in der Form von Abwehrvorgängen in Erscheinung treten  und sich so als Inhalte der Übertragung anbieten. In einer solchen Situation sind deshalb die Anteile, welche die Übertragung charakterisieren, nicht Es-, sondern Ich-Abkömmlinge. Wie wir schon bei den Kommentaren zum 8. Kapitel gesehen haben, liesse sich aus dieser Auffassung eine Nomenklatur ableiten, die dann von Übertragung spricht, wenn etwas aus dem Es übertragen wird, von Übertragungswiderstand, wenn etwas aus dem Ich übertragen wird. Da Morgenthaler aber das Es in anderen Schriften als struktur- und inhaltslos definiert haben möchte, kann das Es nicht ohne Zutun des Ichs einen Abkömmling produzieren. Folgerichtig spricht er auch einige Zeilen weiter oben von Abkömmlingen von Wünschen und Triebregungen; von Übertragung kann man also erst dann sprechen, wenn solche übertragen werden. Gleichzeitig schreibt Freud wiederholt, dass die Übertragung selbst zum grössten – wenn auch für die Kur nützlichen ‑ Widerstand werden kann, ohne diesen Widerstand als Übertragungswiderstand zu bezeichnen. Den Begriff Übertragunswiderstand braucht Freud im Sinn eines Ich-Widerstandes, als Gegensatz zum Verdrängungswiderstand[7] (s. z.B. Hemmung, Symptom und Angst, GW XIV, S. 192f); Morgenthaler erwähnt dasselbe auf S. 93. Auf den gleichen Seiten spricht Freud auch, synonym, von Widerständen des Unbewussten resp. des Es. Der Übertragungswiderstand wird bei Morgenthaler von nicht neurotischen Phänomenen unterschieden wie z.B. ein peinliches Gefühl, das entsteht, wenn zum Beispiel zärtliche Wünsche ... sich auf den noch fremden Analytiker richten S. 93, und negativen Einstellungen S. 94. 

Wichtig sind die einleitenden methodischen Bemerkungen: Bisher (ausser beim Mann mit dem agricola-Traum) stellte Morgenthaler Fälle dar, in denen sich die Übertragung unkompliziert entwickelte, ohne dass nennenswerte Übertragungswiderstände auftraten (S. 92). Dabei sei man nicht berechtigt, von Anfang an zu vermuten, es entwickle sich im Analysanden etwas, das sich gegen die Ziele der Anwendung der analytischen Methode äussern würde. Aber:  Dieses Prinzip darf nicht eingleisig verfolgt werden, weil der Mensch, mit dem ich mich einlasse, keineswegs eingleisig anspricht. Für die Konzepte der Theorie der Technik ist aber die pragmatische Zerlegung der – natürlich widersprüchlichen – Reaktionsweisen unumgänglich (S. 93). Ebenfalls ein Grundprinzip der Dialektik: Den Widerspruch in seine einzelnen Teile zerlegen und diese gesondert untersuchen. Gerade dieser Zug macht aus der Technik eine Theorie.

Es folgt das Beispiel des jungen Mädchens (von Anna Freud, s. Seite 103).

95-97

Hier manifestiert sich die Abwehr von Anfang an so, dass die Analysandin gar nicht zum Arzt gehen will. Immerhin spricht sie dann kollaborativ über ihre Lebensgeschichte. Die spöttische Haltung kommt aber sofort, wenn der Analytiker in bestimmter Weise zu deuten versucht. Dann passiert etwas, das wir als projektive Identifikation beschreiben können und das sich zeigt, bevor sich eine Übertragung ausbilden konnte. Dagegen sagt Morgenthaler aber ausdrücklich: Das heisst nun aber keineswegs, dass sich die Beziehung zwischen den beiden analytischen Partnern nicht entwickelt hätte. Beziehung ist aber nicht synonym mit Übertragung.

Im Zusammenhang dieses Kapitels ist das konsequente Einnehmen des Ich-psychologischen Standpunktes die Hauptsache. Der Übertragungswiderstand ist eine Ich-syntone Aktivität des Ichs, und demzufolge ist seine Bearbeitung das Feld der Ich-Psychologie. Zu den Ich-Aktivitäten zählen auch die Affekte (S. 97), die nicht mit den Triebregungen zu verwechseln sind. Diese Affekte, die aus der frühen Ichaktivität stammen, sind ... als ... das Beste aufzufassen, was der Patient anzubieten hat. Deshalb hat der Analytiker diese Äusserungen zunächst voll zu respektieren.

Um zu verstehen, inwiefern sie das Beste sind, was der Analysand anzubieten habe, muss man die Affekte, die er zeigt, mit den Beziehungen verknüpfen, die ursprünglich, meist in der Kindheit, zu diesen Affekten geführt hatten. Dabei wird man erkennen, dass diese Ichleistung einst

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aufgerichtet wurde, um eine schwere Störung im psychischen Erleben zu vermeiden, um sich vor tiefen Regressionen zu schützen, um das Ich in seiner Gesamtfunktion zu erhalten. Das sind strikte Ich-psychologische Grundsätze der Neurosenlehre. Es folgt der Weg einer solchen Deutung, wodurch an die Stelle der alten, fixierten Identifikation die Identifikation mit dem Analytiker treten kann – ein Vorgang, der speziell für die Bearbeitung von projektiven Identifizierungungen charakteristisch ist.

Es folgen verschiedene Stufen der Ausformung eines Übertragungswiderstandes, z.B. die Form des Charakterwiderstandes mit der Hervorhebung der darin liegenden einheitlichen Tendenz.

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Wichtig, der Haupttendenz – in meinem Beispiel der Verachtung – den Vorrang zu geben. Dies Haupttendenz ist unbewusst.

Unter derartigen psychischen Voraussetzungen, zu denen auch Tendenzen gehören, die dem Geständniszwang folgen, haben die Patienten gewöhnlich Angst vor der Analyse. Oft sprechen sie gleich von Anfang an viel zu intensiv auf die Person des Analytikers an – was von der Übertragung unterschieden werden muss; sie sprechen zu intensiv auf den real wahrgenommenen Analytiker an. Der Analytiker hat dann dafür zu sorgen, dass sich die Situation entspannt. Ich erreiche das nie mit Schweigen,  welches erst angesagt ist, wenn die emotionale Lage des Patienten das Zuwarten und das Schweigen gestattet.

Schwierigste Form: Aktionen, Ausagieren des Übertragungswiderstandes, Hineinziehen des Analytikers, wodurch der analytische Prozess leicht chaotisch wird.

Selbstverständlich

100-101

können alle Abwehrmechanismen ... zur Ausbildung und Ausformung von Übertragungswiderständen eingesetzt werden.

Nun kommt nochmals eine Zusammenfassung, die zunächst sehr klar scheint. Treten aber in der Entwicklung der Übertragung Abwehrprozesse in Erscheinung, ... aus der Vergangenheit seines Erlebnisbereiches ... handelt es sich jeweils um Ich-Leistungen, die er als Ich-synton empfindet. Diese müssen zuerst zu etwas Befremdlichen gemacht werden, bevor der Analytiker seine Rolle als eine wichtige Übertragungsfigur der Kindheit annimmt ... und Sinndeutungen gegeben werden können. 

Und kaum ist etwas klar, bezeichnet er diese Klarheit als Missverständnis. In dieser Weise kann die psychoanalytische Theorie der Technik nicht weiterentwickelt werden, denn was sie entscheidend ausmacht, ist ... ihr Netz von Widersprüchen, die entlang den Linien primärprozesshafter Verknüpfungen - also der Selbstbewegung folgend - dort Bewusstsein schaffen, wo vorher Verständnislosigkeit herrschte. Auf die Dynamik der Widersprüche kommt er im nächsten Kapitel.

 

7. Kapitel: Die Dynamik der Widersprüche im Deutungsprozess

Das Kapitel bereitet die beiden folgenden vor, indem es die beiden Deutungsarten unterscheidet, welche in den beiden folgenden Kapiteln ausführlich behandelt werden.

Es handelt sich

1.      um die Deutung der Verknüpfung eines bestimmten Affektgehaltes mit einer historischen Begebenheit, mit einem bestimmten Erlebnisbereich aus der Vergangenheit (s. 105, Abs. 2) Im Deutungsprozess wird die Verknüpfung der Affektäusserung mit dem historischen Erlebnisbereich so lange umkreist, bis eine Deutung die Verknüpfung trifft. Es sind also deutende Interventionen, die sich noch nicht auf das analytische Zweipersonenfeld beziehen, Deutungen „ausserhalb der Übertragung“. Gelingt das, wird sich die Affektverknüpfung ... plötzlich lösen. Der freiwerdende Affekt teilt sich jetzt dem Ich mit und bewirkt, dass sich das Ich den unbewussten Impulsen gegenüber triebfreundlicher einstellt. ... Die Übertragung färbt sich neu. Sie verändert sich nicht in ihrer Struktur. Das ist die Verifikation, auf die wir angewiesen sind. Denn es gibt sonst nichts, was mir anzeigen würde, dass meine Deutung nicht nur Ausdruck meiner Phantasie war.
Diese Deutungstechnik dient der Auflösung des Übertragungswiderstandes (S. 106). Ich spreche von einem Übertragungswiderstand, solange eine pathogene Verknüpfung der Affektäusserung mit diesem und keinem anderen Inhalt eines Erlebnisbereiches weiterbesteht. Dieser Erlebnisbereich liegt in den meisten Fällen in der Vergangenheit, in der Kindheit des Analysanden. ... Diese Deutung hat einen progressiven Charakter.
Natürlich stellen sich Fragen: In früheren Kapiteln, vor allem Kap. 4,  hat er davor gewarnt, Deutungen zu geben, bevor man sich ... ein Bild von der Übertragungsentwicklung gemacht hat (S. 62 oben), weil man sonst ins Rationalisieren kommt. Beim Vorliegen eines Übertragungswiderstandes soll man die entsprechenden Verknüpfungen nun deutend umkreisen, damit sich der Affekt löst. Den wesentlichen Unterschied sehe ich darin, dass er früher davor warnte, Widerstandsdeutungen im Hier und Jetzt oder Pseudo-Übertragungsdeutungen zu geben, die er als Rollendeutungen bezeichnet. Hier wird von einem Affekt gesprochen, der nichts mit der Übertragung zu tun hat, sondern mit einer aus der Vergangenheit eingeschleppten Ich-Leistung. Es wird nicht über die Beziehung zum Analytiker gesprochen.

2.      Die rekonstruktive Sinndeutung hat demgegenüber – gegenüber dem progressiven Charakter der Deutung eines Übertragungswiderstandes – grundsätzlich einen stabilisierenden Charakter, (S. 106, Abs. 3), einen konservativen, könnte man sagen. Eine rekonstruktive Sinndeutung gebe ich nur in einer Phase der Entspannung im emotionalen Geschehen der Übertragung. Eine solche Entspannung folgt meines Erachtens in der Regel auf eine gelungene Deutung der Übertragungskonflikte (s. das Beispiel Kapitel 4, S. 62-64). Dann nämlich bietet sich ... Erinnerungsmaterial an, das zu der neuen emotionalen Färbung, der Neuformulierung im Übertragungsgeschehen passt. Rekonstruktive Sinndeutung heisst mit anderen Worten, all jene Erinnerungen und Assoziationen, die einer Neuformulierung im Übertragungsgeschehen folgen, „einzusammeln“, als in Beziehung zum gedeuteten Übertragungsgeschehen stehend zu beleuchten. Ich mache hier jeweils den Vergleich mit Geldspielautomaten, in die Münzen eingeworfen werden: Wenn ich die Münze, die den „Jackpot“ auslöst, eingeworfen habe – d.h. eine treffende Übertragungsdeutung gegeben habe – muss ich alles Geld, das unten herauskommt, sorgfältig einsammeln, bevor ich evtl. weiterspiele oder mit dem Gewinn weggehe. Es gibt in dieser Situation keine freischwebende Aufmerksamkeit, sondern nur eine darauf gerichtete. Das hat den Zweck, Prozesse und Vorgänge, die mit den in der Übertragung schon gedeuteten resp. neu formulierten Besetzungsmodalitäten in enger Verbindung stehen, aus der direkten Übertragung abzulösen – aus dem aktuellen Bezug zur analytischen Beziehung herauszuziehen, (S. 107, Abs. 2) und sie mit den Triebregungen, das heisst mit dem Es, in Verbindung zu bringen - und das Erreichte zu stabilisieren. Ausser den Erinnerungen und Assoziationen treten in einer solchen Situation auch Rekapitulationsphänomene (S. 106 unten) auf, d.h. Inszenierungen des Unbewussten – Träume, Fehlleistungen, Agieren, scheinbare Rückfälle – die mit der Übertragungsdeutung im Zusammenhang stehen und als bestätigende Antworten des Unbewussten aufgefasst werden sollen. (Ich beziehe mich hier auch auf mündliche Formulierungen Morgenthalers.) Freud nennt das Durcharbeiten. Dieses Sammeln, Rekapitulieren, Durcharbeiten muss so lange aufrecht erhalten werden, bis sich die Übertragung umstrukturiert (S. 107, Abs. 3) und neue Formen annimmt, die darauf hinweisen, dass sich im Zuge der in diesem Absatz beschriebenen Wandlungen eine neuartige Beziehung zwischen Analysand und Analytiker entwickelt, die einem anderen Vorbild der grossen Figuren aus der Kindheit entspricht, als es in der früheren Phase des analytischen Prozesses der Fall war. Dadurch wird die bisherige Etappe des analytischen Prozesses abgeschlossen und eine neue eingeleitet.
Bedeutsam werden an dieser Stelle für mich die Erkenntnisse der Metapsychologie... und zwar im Sinn eines Instrumentes (S. 108), eines Werkzeugs, starr und stumm. Die ältesten und konservativsten Werkzeuge sind oft die wirksamsten.

Hier gibt Morgenthaler sehr präzise Antworten auf brennende Fragen der Technik, Antworten, die in dieser dezidierten Form, soweit ich sehe, in der psychoanalytischen Literatur einzigartig sind. Er exponiert diese Fragen in der Einleitung und bezeichnet die Antworten, die sich auf „timing“ und „Begabung“ beziehen, auch als verwaschen (S. 104, Abs. 3), m.E. zu Recht. Die Theorie der Technik müsste Konzepte formulieren können, die fassbar machen, was da unfassbar zu sein scheint. Das versucht Morgenthaler.

Die idealtypische Reihenfolge wäre also, gemäss meiner persönlichen Interpretation: Bearbeitung der Übertragungswiderstände, bis es zur Aktualisierung des Übertragungskonflikts kommt; Deuten dieses Konfliktes in der Übertragung, was Deutung der infolge der Übertragung aufgerichteten Widerstände einschliesst; Verifikation der Übertragungsdeutung  (Entspannung in der Beziehung, Antworten des Unbewussten in Form von Rekapitulationsphänomenen und Aufkommen von Erinnerungsmaterial, das zur Neuformulierung im Übertragungsgeschehen passt); Zusammenfassen dieses verifizierenden Materials zur rekonstruktiven Sinndeutung, was gleichzeitig dem Durcharbeiten entspricht. Letzteres ist solange aufrecht zu erhalten, bis sich ein neuer Übertragungskonflikt aktualisiert, dem sich u.U. neue Übertragungswiderstände vorlagern.

 

Nachlese zu Kapitel 8:

109

Nach der Wiederholung des Falles, der in 180 Stunden zur Konfusion in der Übertragungsentwicklung führte, stellt er zunächst fest ..., dass sich in der Analyse ein Übertragungswiderstand entwickelt hatte ... Es war dem Analytiker offensichtlich nicht möglich, diesen Übertragungswiderstand wirksam anzugehen. Das verstehen wir nun besser.

110

Die Konfusion in der Übertragung war in diesem Falle das Resultat eines chronisch gewordenen, inkrustierten Übertragungswiderstandes. Er blockierte seit langem den analytischen Prozess. (Beim Widerstand braucht er nicht diese Formulierung, sondern dass er den Fortgang des Prozesses verhindert.)

Nochmals klar die Nomenklatur: Der Übertragungswiderstand ist Ausdruck eines Wiederholungszwanges, der bestimmte Ich-Leistungen betrifft und der im viel allgemeineren Wiederholungsprozess auftaucht, den ich als emotionale Wiederholung verstehe, und zwar im Interesse des analytischen Prozesses. Der Übertragungswiderstand ist das Feld der Ich-Psychologie, die emotionale Wiederholung in der Übertragung ist das Feld der Psychologie des Erlebens, der Es-Psychologie oder Triebtheorie.

111

...etwas Fremdes in die analytische Beziehung eingeschlichen.

Der Analytiker agiert im Übertragungswiderstand mit, und das erst führt m.E. zur Konfusion in der Übertragung. 

117

Die nun vorgeschlagene Deutungstechnik (Sukzession im Assoziationsverlauf) ist zunächst nicht das umkreisende Verbinden des aktuellen Affektes mit Kindheitssituationen, das er im letzten Kapitel beschreibt, sondern ein Vorgehen, welches das Mitagieren des Analytikers behebt, seine unbewusste Abwehr. 

Die Verbindung

118-119

macht dann der Patient selber. Wir kommen hier zum Schluss dieses Kapitels, den wir oben ausgelassen haben:

Ist das schon eine rekonstruktive Sinndeutung? Was eine solche genau ist ist, werden wir im folgenden Kapitel sehen. Sie betrifft die Reaktionsweise, bei der ich in der Übertragung, im emotionalen triebhaften Geschehen, das heisst in der umfassenden Erlebnisweise, eine Vaterfigur darstelle. Das ist bei der Analyse eines Übertragungswiderstandes nicht der Fall. Wenn bei dieser gelingt, Erlebnisweisen in der Analyse mit einzelnen „unverdaulichen“ Erfahrungen mit dem Vater zu verknüpfen, dann kommt es zuerst zu einer Erweiterung im Übertragungsgeschehen, welche die Aktualisierung eines Übertragungskonfliktes (Kapitel 4; dort wird der Fall des jungen Mannes beschrieben, der glaubte, Morgenthaler sei schwerhörig) erst ermöglicht. Das ist die andere Reaktionsweise: Affektäusserungen in Verbindung mit spezifischen Erinnerungsspuren, die sich bei der Konfrontation mit einem Objekt aktualisieren. Die beiden Reaktionsweisen beschreibt er im Sinn einer widersprüchlichen Einheit. Sie bestimmen weitgehend jene Anteile der Erfahrung, die vom Wiederholungszwang gezeichnet sind. In ihnen liegen die fundamental wichtigen Ansätze für alles, was die psychoanalytische Theorie der Technik beschäftigt. Was dabei, wie schon mehrfach erwähnt, auf auffällige Weise fehlt, ist die Erörterung dessen, was am Übergang von der einen Erlebnisweise in die andere steht: Die Übertragungsdeutung (vgl. Kasten zu S. 62 und zum 7. Kapitel).

9. Kapitel: Funktion und Struktur der rekonstruktiven Deutung.

Ein meines Erachtens wichtiger Gesichtspunkt, ohne den ich das ganze Kapitel nicht wirklich verstehen könnte, steht auf Seite 121 oben: ... und gehe deshalb nicht näher darauf ein, wie sich die Übertragung entwickelt hat. Morgenthaler sagt ja in Kapitel 3, die Priorität gebühre in der Anfangsphase der Analyse der Aktualisierung des Übertragungskonfliktes (S. 43). Darüber muss man sich zuerst ein Bild ... gemacht haben (S. 62 oben), nicht nur bevor man von Widerständen im analytischen Prozess sprechen kann (S. 61 unten), sondern selbstverständlich auch, bevor man rekonstruktive Sinndeutungen geben kann. „Bevor wir von Mami und Papi reden (und den vergangenen Beziehungsmodalitäten zu ihnen), muss ganz klar sein, was im Hier und Jetzt zwischen uns (bewusst und unbewusst) läuft“, pflegte er zu sagen; das heisst, das Bild von der Übertragungsentwicklung wird auch gedeutet, bevor mittels rekonstruktiver Deutungen Prozesse und Vorgänge, die mit der Umorientierung bestimmter Besetzungsmodalitäten in enger Verbindung stehen, aus dem aktuellen Bezug zur analytischen Beziehung herausgelöst werden (S. 107).

Diese Vorgeschichte unterschlägt er uns offenbar bei diesem Fall. Deshalb wirkt die Darstellung des konkreten Vorgehens hier so willkürlich, als Jonglieren des „grossen Meisters“, dem wir es nie werden gleichtun können. Das ist das Gegenteil von dem, was er uns normalerweise vermittelt, und es passt nicht zu dem, was wir hier erreichen wollen: Zu zeigen, dass und wie weit diese Technik und ihre Theorie lehr- und lernbar ist.

120-121

Ich versuche, über die bereits gedeutete Übertragungsentwicklung Hypothesen bilden und dadurch der rekonstruktive Sinndeutung mehr Sinn zu geben:

Der vorgestellte Analysand hat ganz offensichtlich wieder einmal eine Exhibitionshemmung. Wenn der Analytiker ... sich dem Analysanden gegenüber so eingestellt hat, als ob das alles verständlich wäre;  wenn er etwas Ergänzendes dazu sagt, oder ... den Gedankengang des Patienten mit einem anderen, den er früher mitgeteilt hatte, verknüpft; wenn er ihn auch nicht längere Zeit schweigen lässt, sondern sagt, dies verhalte sich so und jenes anders..., dann zeigt der Analytiker ein Verhalten, das exhibitorisch nicht gehemmt ist (s. S. 140: Als Analytiker sollte ich darum in meiner Phallizität nicht gestört sein. Man erwartet von mir umfassende Triebfreundlichkeit und keine Exhibitionshemmung). Mit dieser Haltung des Analytikers hat sich der Analysand identifiziert, wenn er plötzlich so neuartig mit der Freundin musiziert. Nicht nur das; er schlägt unvermittelt vor, ein relativ unbekanntes Stück zu spielen, das beide noch nie geübt hatten, aber kannten. Meine Hypothese: Der Analytiker hat ihm vor dieser Episode „ein unbekanntes Stück gespielt“, nämlich eine Übertragungsdeutung gegeben, die beiden Partnern des analytischen Prozesses vorher relativ (d.h. bewusst) unbekannt war, die sie vorher noch nicht geübt – noch nicht durchgearbeitet – hatten, das ihr ubw. Ich aber schon gekannt hatte. Diese Deutung hätte sich darauf bezogen, dass der Analysand, nachdem er in der Übertragung eine emotionale Bewegung auf den Analytiker zu gemacht hat, sich wie ein schüchternes Mädchen verhält, das seine Reize nicht zeigen kann, seine Liebe nicht exhibieren kann, aus Angst, dass dann etwas Schlimmes, Unkontrollierbares passiere. „Möglicherweise haben Sie unbewusst Angst davor, von mir vergewaltigt zu werden, wenn Sie sich frei, gleichsam in Ihrer ganzen Schönheit zeigen könnten.. Dabei passiert real ja nichts Gefährliches, wenn Sie sich in den Stunden wohl fühlen und sich mir gegenüber emotional öffnen“[8] – soweit die Kurzform der vielleicht gegebenen Übertragungsdeutung. (Der Analytiker hat sich ‑ wieder einmal ‑ das Bild einer negativ-ödipalen Bewegung im Konfliktlösungsmuster des Analysanden gemacht, mit einer Identifizierung mit der Mutter, einer libidinösen Bewegung zum Vater hin und Angst vor Überwältigung durch den Vater. Das wird Morgenthaler auf S. 128 auch explizit sagen.) 

Durch eine solche Deutung ist

122

alles ... ganz anders als früher geworden, nämlich in der Beziehung zwischen Analysand und Analytiker. Jener hat sich entspannt und mit diesem identifiziert. Diesen stellt er in der Musizierepisode mit der Freundin dar, worauf sie sich ihrerseits mit ihm identifiziert und erstmals ihre Frigidität exhibieren kann.

In der nächsten Stunde kann er dem Analytiker allerdings nicht zuerst diese Episode erzählen, sondern muss vorher die Phantasie bringen, wo die Mutter zum Vater sagt: ‚Sage nichts, bitte sage nichts‘. Der Analytiker weiss aber – immer gemäss meiner Hypothese – dass sich der Analysand mit ihm und seiner Deutung identifiziert hat. Damit hat er sich mit der väterlichen Figur identifiziert; darum war der Musizierabend möglich und das Geständnis der Freundin, und darum kann der Analytiker nun rekonstruktiv die Phantasie so deuten, dass Sie sich, wahrscheinlich zum ersten Mal, mit Ihrem Vater gleich fühlten.  Morgenthaler schiebt nun die Geschichte nach, warum sich der Analysand nie mit dem Vater gleich fühlen konnte, und: 

123

Das alles kommt jetzt in der rekonstruktiven Deutung zur Sprache. Diese setzt der Analysand bis zur nächsten Stunde fort und berichtet darüber. Die Münzen fallen: Er erzählt eine Reihe von Ereignissen aus seiner Kindheit, die alle mit seiner Sexualneugier in Zusammenhang stehen.

Es folgt der befremdliche Vorgang auf der Couch, auf den nun der Analytiker mit einer Exhibitionshemmung reagiert. Ob er diesen Vorgang gedeutet hat, wissen wir nicht – ich vermute, eher nicht, sondern er will jetzt mit der rekonstruktiven Deutung fortfahren, resp. er deutet den Vorfall auf der Couch rekonstruktiv, weil er die zugehörige Übertragungsdeutung schon gegeben und der Patient bereits im Sinn einer Neuformulierung reagiert hat. Der Analytiker hat ja schon gedeutet, dass der Analysand nicht werben kann aus Angst, dass dann etwas Schlimmes passiert. Jetzt bringt er das Schlimme in den sinnvollen Zusammenhang mit dem

124

Unfall, das Werben um den Vater mit der Sexualneugier. Wenn der Vater diese stillen würde, würde er dem Sohn seine Liebe beweisen. Der Analytiker stillt die Neugier auf seine Weise und zeigt ihm dadurch seine Zuwendung, wodurch der Analysand auch diesbezüglich eine Neuerfahrung machen kann. Das wird auch mit der Erfahrung mit der Freundin in Beziehung gesetzt, wobei sie nun an der Stelle des Vaters steht und ihm durch die Aufklärung bezüglich ihrer Frigidität ihre Liebe zeigt.

Hier wird gezeigt, wie die Analyse nicht in der Frustration stattfindet; es sind in erster Linie unneurotische, berechtigte Bedürfnisse, welche befriedigt werden und auch befriedigt werden sollen. Die Analyse hat sich durch solche Neuerfahrungen zu vollziehen. Frustriert werden die neurotischen, infantilen, anachronistischen Wünsche.

Die Störung, die der Analysand nun darbietet, kann der Analytiker erneut rekonstruktiv deuten, weil ja klar ist, was in der Übertragung läuft. Alles wird aber genau zu dem in Verbindung gebracht. Weil es schon gedeutet ist, kann der Analysand die Angst entwickeln,

125

nochmals den ganzen Schmerz zu erleben, den Sie erlitten hatten, als Sie sich vom Vater nicht geliebt fühlten resp. der Vater in der Liebe zu seinem Sohn „frigid“ war. Das konnten Sie doch nur deshalb erinnern und wiedererleben, weil sie hier in der Analyse und bei Ihrer Freundin gespürt haben, dass alles ganz anders geworden ist. Das ist das Wesentliche an der Situation, in der rekonstruktiven Deutungen gegeben werden können: In der Übertragung ist die Neuerfahrung schon gemacht und kann auch umfassend gezeigt werden: Der Analysand hat den Analytiker lieben gelernt. (Das ist keine Deutung der positiven Übertragung, weil dem Analysanden in dieser Phase schon bewusst oder vorbewusst ist, dass er den Analytiker liebt.)

Der Analysand hat sich etwas entspannt. Bringt er jetzt die Sexualneugier in die Übertragung? Der Analytiker entwickelt Phantasien, die zur Konfusion führen könnten. Darum muss er jetzt wieder auf die Sukzession im Assoziationsverlauf zurückgreifen, wobei er diese gleich in Worte fasst. Er beginnt, das, was in den letzten Stunden passierte, nachzuzeichnen 

126

und setzt es in Bezug zur Freundin (sie sagte zu sich selbst: „Sage nichts, bitte, sage nichts), was die ersehnte Entspannung bringt. Dann streicht er das Absurde in der Übertragung heraus, wodurch er, dank all der rekonstruierten Erkenntnisse, die nach meiner Hypothese früher gegebene Übertragungsdeutung differenzieren kann:

127

Die Vergewaltigungsangst gehört zur Identifikation mit der Mutter, und diese musste er durch Erzählen der Phantasie zuerst loswerden, bevor er das Musiziererlebnis berichten konnte. Das Aufreissen der Kleider oder des Körpers gehört zu dem, was der kleine Bub von der Mutter in der Beziehung zum Vater phantasierte. So geht es weiter: Was in den Stunden passierte, wird rekonstruktiv verstanden und gedeutet, alles! Jede Münze des Jackpots muss eingesammelt werden. Die Aufmerksamkeit des Analytikers ist die ganze Zeit nicht frei schwebend, sondern auf diese Zusammenhänge gerichtet, wobei bei ihm offensichtlich ein Summationseffekt eingetreten ist, so dass ihm alle diese Zusammenhänge und die dazugehörenden metapsychologischen Konzepte auch tatsächlich einfallen. Wenn wir einen Summationseffekt haben, können wir das auch. Die Theorie der Technik handelt von den Bedingungen, unter denen Summationseffekte möglich werden. Diese Bedingungen sind lehr- und lernbar; der Summationseffekt entspricht dann dem spontanen Musizieren, das mittels Begabung und Übung erlernt wird.

128

Diese Deutung umfasst die Zusammenhänge der traumatisierenden Einflüsse einer ganz bestimmten Phase der Kindheit. So kann definiert werden, was eine rekonstruktive Deutung ist. Oder so, wie er es auf S. 129 beschreibt: Getragen von der aktuellen, intensiven analytischen Beziehung schaute er konfliktfrei auf die verzweifelten Auseinandersetzungen der Kindheit zurück, an denen er gescheitert war. Damals war er gescheitert, während ihm jetzt die Beziehung zum Analytiker (und zur Freundin) gelingt. Das Gelingen besteht darin, dass sich der Übertragungskonflikt aktualisiert hat und er gedeutet worden ist; deshalb ist er von dieser Beziehung getragen (und Morgenthaler sagt hier zu Recht Beziehung und nicht Übertragung, denn die ist ja gedeutet).

Nun rekapituliert er die metapsychologischen Konzepte, die er soeben verwendet hat. Die negativ-ödipale Position wurde in der Übertragung aufgegeben – hier lässt er m.E. aus, dass das nicht durch die Identifizierung allein passierte, sondern dass der emotionale Aufruhr in der Übertragung gedeutet worden ist.

129-131

Er verdeutlicht den Unterschied des rekapitulativen Zurückschauens in der rekonstruktiven Deutung mit der Aktualisierung einer vergangenen Situation in der Übertragungsentwicklung wie beim Analysanden mit dem schwerhörigen Vater. Hier geht es um die Vervollständigung einer Übertragungsentwicklung. An einen an sich immer bewussten Tatbestand (Schwerhörigkeit des Vaters) wird die verdrängte Konfliktneigung festgemacht; unbewusst ist dagegen die Projektion dieser Konfliktneigung auf den Analytiker. Das Bewusstwerden dieses Vorgangs löst das Befremdungserlebnis aus; es betrifft  nur einen, zunächst kleinen Teil des konfliktvollen frühkindlichen Erlebnisbereiches (130). Das illustriert er in der Metapher vom damals gedrehten Film, in den man vorübergehend zurückversetzt wird und dann ein Befremden über dieses Zurückversetzen empfindet – betrachtet man sich im Spiegel von heute. 

Beim Zurückschauen in der rekonstruktiven Sinndeutung hat bereits eine Neuformulierung der Konfliktneigung stattgefunden (durch Erleben und Deuten in der Übertragung, mit Herausstreichen des Befremdlichen, das nicht zur analytischen Realsituation passt), was eine Neuformulierung des damals Erlebten nach sich zieht, so dass der Analysand das, was einst war, nicht so zur Kenntnis nimmt, wie es damals war, sondern wie es jetzt ist. Er schaut zurück, um zu verstehen, was in ihm vorging, als er noch so war, wie er jetzt nicht mehr ist. Darin liegt eine Antithese der Dynamik, auf die es ankommt. Sie ist  entscheidend, denn erst unter diesen Voraussetzungen verlieren die unbewussten Regungen und Vorstellungen ihre verdrängende Kraft (Stabilisieren und den Erlebnisbereich aus der Übertragung wegführen). Jetzt geht es nicht mehr um einen kleinen, zunächst konfliktvollen kindlichen Erlebnisbereich (130 oben), sondern um die Zusammenhänge der traumatisierenden Einflüsse einer ganz bestimmten Phase der Kindheit (128), und zwar dieser ganzen Phase und nicht eines kleinen Teiles davon. Das wiederholt Morgenthaler in den folgenden Sätzen mit anderen Worten. Dabei müsste es (S. 131 oben) m.E. statt Synthese der Dynamik eher These der Dynamik heissen, weil ja die Antithese erst nachher kommt. Die Synthese, kann man dann sagen, liegt in den Rekapitulationsphänomenen: Sie decken zwar die Übertragung momentan zu, Wolken vergleichbar, die die Sonne verdecken (131), wobei vielleicht besser gesagt werden könnte: Wie Wolken erscheinen alte Erlebnisweisen (These) nochmals rekapitulativ in der (bereits neu formulierten) Übertragung, um durch Fortsetzung der rekonstruktiven Deutung sofort wieder aus der neuen Sicht (Antithese) erlebbar zu werden - das Durcharbeiten als Synthese, welche beide enthält. Diesen Vorgang haben wir bei diesem Fall immer wieder gesehen (Aufreissen, Weglaufenwollen, Gefühl, es sei alles verloren). – Und, ceterum censeo – es muss alles gedeutet, es müssen alle Münzen eingesammelt werden!

Die Zusammenhänge, die sich in der rekonstruktiven Sinndeutung klären, haben nun nicht mehr den Charakter von Erlebnisweisen, die dem Ich vertraut und adäquat erscheinen, wie beim Vorliegen eines Übertragungswiderstandes oder bei der Aktualisierung des Übertragungskonfliktes. Was jetzt Ich-synton ist, ist die neu eingenommene Position in der Libido- und Ich-Entwicklung, weshalb der alte Erlebnisbereich befremdlich wirkt. Das illustriert er am Beispiel des Musikers und seines Übergangs von der sado-analen in die phallisch-narzisstische (resp. exhibitorische) Position.

132

Erneut: An dieser Stelle wird die Deutung umfassend und zieht alles, was bekanntgeworden ist, herbei, um die rekonstruktive Deutung zu vervollständigen. Die Phase des Durcharbeitens ... kann lange dauern und wird vor allem vom Analysanden selbst bestritten, wobei der Analytiker mit seinen Gedanken und Einfällen beizutragen hat – er verknüpft die Elemente, welche der Analysand bringt. Meines Erachtens gibt es also lange Zeit keine frei schwebende Aufmerksamkeit, sondern eine auf die Vervollständigung des Bildes gerichtete; der Analytiker richtet seine Aufmerksamkeit auch auf alles, was er in allen bisherigen Stunden gehört hat, und macht die entsprechenden Verknüpfungen. Dann passiert der Fehler nicht, etwas als Kastrationsangst zu deuten – also etwas, was in diesem Zusammenhang neu wäre. Morgenthaler geht ausführlich auf diesen möglichen Fehler ein. In meiner Metapher bestünde der Fehler darin, die nächste Münze unten herauszunehmen und oben schon einzuwerfen, bevor alle gefallen und eingesteckt sind.

133

Man sollte sich vielmehr darüber im Klaren sein, dass Ängste, die dann auftreten, wenn eine rekonstruktive Deutung fällig ist, nicht Ängste in der Übertragung darstellen.
Nun darf man die Bedeutung der wirklichen, neuen Erfahrung nicht unterschätzen, die der Analysand im analytischen Prozess gemacht hat.
Diese Gefahr ist gross, vor allem am Anfang unserer Tätigkeit als Analytiker.

134

Der Analysand regrediert bei Auftreten von Ängsten nicht, sondern er rekapituliert. Wenn wir das nicht erkennen und verwechseln, führt das zur Konfusion und allenfalls iatrogen wieder zu einer Regression. In der Rekapitulation wird nicht regrediert, sondern in diesem Fall z.B. in der neu erworbenen phallischen Haltung vor dem Analytiker ... exhibiert.
Das Ganze hat den Anschein einer Pantomime. Der Analysand erlebt die Rekapitulation der Symptome nun als etwas Befremdliches.

135

Der stabilisierende Effekt der Kontrasterlebnisse  führt dazu, dass dort Ich wird, wo bisher Es war. Morgenthaler verdeutlicht in echt didaktischer Weise, was Freud meinte, aber noch nicht so präzis in zusammenhängende Worte kleidete. Die Kontrasterlebnisse sind die Pfeiler, auf welchen das nächstfolgende „Stockwerk“ des Baues, den der analytische Prozess darstellt, aufgerichtet werden wird. Ein Bild, welches weniger das Dialektische als das Materialistische der psychoanalytischen Erkenntnistheorie zum Ausdruck bringt. Allmählich nähert sich dann die Analyse dem Hauptkonflikt, dem Scheitern an der ödipalen Auseinandersetzung. Hier ist etwas angedeutet, auf das ich persönlich Wert lege: Das Scheitern an der ödipalen Auseinandersetzung ist unvermeidlich infolge der zweizeitigen Sexualentwicklung des Menschen, in welcher der erste Triebschub längst vor der Reifung der körperlichen sexuellen Ausstattung und der damit verbundenen Reifung der Psychosexualität erfolgt. Der gesundere oder neurotischere Ausgang dieses Scheiterns hängt davon ab, wie die Umgebung dieses Scheitern gestalten und auffangen kann und wie das Kind all das in einem kreativen Prozess verarbeitet. Es kreiert dann neurotischere oder weniger neurotische Konfliktlösungen, wobei es die unter den gegebenen äusseren und inneren Bedingungen bestmögliche Kreation erzeugen wird (Ich-psychologischer Gesichtspunkt).

Morgenthaler macht dann die Verknüpfung des Begriffs Wiederholungszwang mit einer Definition der Übertragung, die sich an der Wiederholung von Triebbesetzungen orientiert (im Gegensatz zum Übertragungswiderstand, der sich an Wiederholungen von Abwehrvorgängen orientiert). Das wird auf der folgenden Seite noch klarer:

136  

Der Wiederholungszwang ist der Zwang, immer wieder die gleichen Besetzungen vorzunehmen, die in einer wichtigen Phase der Entwicklung internalisiert worden sind.
Der Vergleich mit dem Sägen von Holz, wobei: Im psychischen Bereich ist das Unsinnige nicht so leicht zu erkennen wie beim Sägen von Holz. Das Unsinnige steht mit dem Bild, das wir von uns haben, in Übereinstimmung, weil es primärprozesshaft, das heisst unbewusst ist. Durch Rationalisierungen wird es dem Ich zugänglich und annehmbar gemacht. Morgenthaler betreibt Metapsychologie unter dem Gesichtspunkt der Theorie der Technik, wie er es in Kapitel 1 (S. 17) postuliert hat.

Die rekonstruktive Deutung ist durch den Schnittpunkt charakterisiert,

137

an dem sie liegt, um den Wiederholungszwang zu durchbrechen. An diesem Schnittpunkt angelangt, bekommen Hinweise auf vergangenes Erleben, die vorher belanglos wirkten, plötzlich im Erleben des Patienten eine ungeahnte Wirkung... Das Entscheidende an dieser Wandlung im Erleben liegt im Übertragungsgeschehen, und zwar dort, wo die eine Position der Libidoentwicklung in die andere übergeht. Die Aktualisierung des Übertragungkonfliktes scheint mir dabei die Lokomotive zu sein. Fällt die rekonstruktive Deutung aus, regrediert der Analysand meistens auf die infantile Position seiner pathogenen Fixierung,  wie ich oben schon erwähnt habe.

Der Wiederholungszwang wird durch eine Umbesetzung gelöst,  infolge einer ökonomischen Zurückführung der Affektbesetzungen der Abwehrprozesse (nicht die Abwehrprozesse werden zurückgeführt, sondern deren Affektbesetzung) auf das ursprünglich entscheidend gewesene Ereignis oder Erlebnis der Kindheit. Das gelingt nur innerhalb der Dynamik im Übertragungsgeschehen.

 

10. Kapitel: Viele Wege führen zu keinem Ziel.

Eine Art Nachlese, die zum Teil eine Wiederholung früherer Gesichtspunkte enthält, ferner zusammenfassende Repetitionen, Nachträge und einen Schluss, auf den Morgenthaler besonders stolz war. Zentral scheint mir, dass durch dieses Kapitel noch verdeutlicht wird, wie korrekt der erkenntnistheoretische Standpunkt Morgenthalers ist.

138

Gesichtspunkte:

·        Morgenthaler betont immer wieder, dass er über Psychoanalyse so spricht, wie er sie versteht. Das scheint eine Banalität zu sein, denn etwas Anderes ist ja gar nicht möglich. Meines Erachtens bringt er damit zum Ausdruck, dass „Wissenschaftlichkeit“ auf unserem Gebiet nicht mit falsch verstandener „Objektivität“ erreicht werden kann, sondern mit möglichst grosser Klarheit über die subjektiven Standpunkte der am Diskurs Beteiligten.  

·        Dem Analysanden soll als einem möglichst gesunden Menschen und nicht als einem voll pathologischer Abwehr begegnet werden. Dasselbe wird auch vom Analytiker verlangt (s. insbes. S. 140, Abs.1)

·        Es geht um eine Erweiterung der Emotionalität, um einen emotionalen Aufruhr, denn nur der vermag neurotische Fixierungen zu lockern. An anderer Stelle sagt er dagegen, dass Veränderungen nur in der Entspannung stattfinden können. Auch das ist eine widersprüchliche Einheit: Entspannung zur Ermöglichung des Aufruhrs – Aufruhr zur Lockerung der Fixierungen – Entspannung zur Konsolidierung der Veränderung.

·        Es gibt zwei konfliktvolle Partner in der analytischen Beziehung – eine erkenntnistheoretische Selbstverständlichkeit, deren Berücksichtigung aber im psychoanalytischen mainstream oft unter den Tisch fällt.

·        Der Schwerpunkt liegt immer auf jenen emotionalen Anteilen, die den analytischen Prozess in Gang halten. In diesem Sinn ist Morgenthaler Psychologe des Erlebens; er setzt das Zentrum der Aufmerksamkeit nicht auf die Widerstände (die den Fortgang des Prozesses zu verhindern suchen), sondern auf die gegenteiligen Kräfte[9].

·        Die Bedingungen der analytischen Situation müssen nicht nur vom Analysanden respektiert werden, sondern auch vom Analytiker; für diesen sind das die Gesetzmässigkeiten der psychoanalytischen Technik und der Metapsychologie[10]. Bei der Anwendung anderer Kriterien kommt es zu etwas Anderem als einer Analyse.

·        Auf den Analysanden soll vorurteilslos zugegangen werden, als ob er keine Schwierigkeiten hätte, und ich darf auch keine Schwierigkeiten haben, mich auf eine Beziehung mit ihm einzulassen (was nicht heisst, dass ich ausserhalb meiner Arbeit als Analytiker konfliktfrei sein müsste oder gar könnte). Das ist wichtig für die Indikationsstellung: Wenn objektive oder subjektive Bedingungen gegeben sind, welche mir das Einlassen auf eine Beziehung zu einer bestimmten Person erschweren, ist eine Analyse bei mir für diese Person kontraindiziert.

139

Morgenthaler repetiert den Unterschied im Erleben, wenn Triebregungen und wenn alte Ich-Leistungen übertragen werden. Letztere erscheinen in der analytischen Beziehung oft im Gewande triebhafter Ansprüche und Wünsche. Aus diesem Umstand leitet er nochmals die Begründung dafür ab, weshalb er den Gesichtspunkten, die das emotionale Angebot des Analysanden, seine Triebhaftigkeit und die damit in Verbindung stehenden Gefühle erfassen, stärker gewichtet als die Abwehr und die Widerstände, weil er diese erst dann richtig erfassen kann, wenn die Beziehung stimmt. 

Es folgen weitere Ausführungen, was ich beachten muss, um das zu erreichen – womit sich zeigt, dass auch dieser Teil der Arbeit ein gutes Stück weit lehr- und lernbar ist.

140

Z.B. kann ich mich daran orientieren: Kommt der Analysand nur regelmässig zu den Sitzungen, liegt diese Bereitschaft auch vor. Um ihm helfen zu können, seine Bereitschaft auch zu spüren, darf ich in meiner Phallizität nicht gehemmt sein, brauche ich umfassende Triebfreundlichkeit und keine Exhibitionshemmung. Das ist natürlich als Orientierung zu verstehen und nicht als ehernes Gesetz. Mündlich konnte es so tönen: Ich muss in der Lage sein, meine eigenen Konflikte, Symptome und Hemmungen während der 50 Minuten einer Analysestunde weitgehend draussen vor der Tür zu lassen.

Es geht hier wieder um Indikationsstellung sowie um die Unterscheidung zwischen Psychoanalyse und Psychotherapie. In der Psychotherapie geht man fokal vor.

141-142

Man kann eine körperliche Krankheit dadurch feststellen, dass kein analytischer Prozess in Gang kommt (oder er aus unerfindlichen Gründen stockt). Das gilt m.E. auch für die Differentialdiagnose affektiver Störungen: Ist z.B. eine Depression „endogen“, werden Versuche, einen analytischen Prozess einzuleiten (oder auch nur eine analytisch orientierte psychotherapeutische Situation herzustellen), als quälend empfunden; es geht einfach nicht. Ich empfehle also, ein Gespür für solche sehr charakteristische Phänomene zu entwickeln und dann nicht allzu lange zu zögen, die Abstinenzregel ausser Kraft zu setzen und den Analysanden einer entsprechenden somatischen Abklärung und Behandlung zuzuweisen. Hat dies Erfolg gehabt, ist eine Analyse oder Therapie erst nach erneuter Indikationsstellung wieder aufzunehmen.

143

Es kann gar kein Zweifel bestehen, dass es innerhalb des analytischen Prozesses Zeichen gibt, die die Diskrepanz zwischen bestimmten Reaktionen des Patienten und den zu erwartenden emotionalen Mitbewegungen so auffällig in Erscheinung treten lassen, dass es dem Analytiker möglich ist zu zeigen, dass der analytische Prozess aus einem Grunde, der ausserhalb des analytischen Geschehens liegt, nicht zustande kommen kann.  Diese Gründe sind also nicht nur somatische Erkrankungen. Bion, seines Zeichens englischer Militärpsychiater, hat diese Frage z.B. bei militärischen Geheimnisträgern thematisiert: Es kommt kein analytischer Prozess in Gang, wenn diese Analysanden gegenüber dem Analytiker nicht von ihrer Schweigepflicht entbunden werden (oder sich selbst diese Freiheit nehmen können).

Es folgt eine zusammenfassende Wiederholung: emotionales Angebot des Analytikers, Bildung von Übertragungswiderständen,

144-145

ihr Durcharbeiten (Lösung der Fäden im Gulliver-Bild), Veränderung der Übertragungsbedeutung beim Analysanden etc., wobei auch hier wieder Unklarheiten in Erscheinung treten. M.E. handelt es sich dann, wenn Gulliver in der Metapher erste sinnvolle Bewegungen macht, um einen aktualisierten Übertragungskonflikt, der als solcher im Hier und Jetzt gedeutet werden kann und soll; das geht dann über die einfache Bearbeitung des Übertragungswiderstandes hinaus und ermöglicht erst die rekonstruktive Deutung. Auch hier zeigt sich das Fehlen eines Kapitels über die Übertragungsdeutung. Oder betrachtet Morgenthaler die Deutung des aktualisierten Übertragungskonfliktes als Teil der rekonstruktiven Deutung? Dafür gibt es Anhaltspunkte, denn der 2. Absatz auf Seite 145 enthält Elemente, die Morgenthaler immer wieder als Bestandteile einer vollständigen Übertragungsdeutung genannt hat:

1.      Aufzeigen und Erlebbar-machen von dem, was sich als Fremdkörper in der Beziehung darstellt;

2.      Die Ebene der Realbeziehung benennen; den Widerspruch von 1. und 2. herausarbeiten

3.      das unbewusste Motiv deuten, welches diesen Widerspruch hervorbringt, hier z.B. die Bedeutung, die ich in der Übertragung einnehme, was beim Analysand mit dem schwerhörigen Vater ganz kurz gezeigt wurde (S. 64).

Dann spricht er aber gleich wieder von rekonstruktiver Deutung, welche, wenn sie richtig war, die Übertragungsebene verändert. Dass bei der ganzen Darstellung etwas nicht stimmen kann, verrät m.E. die Fehlleistung in Form des falschen Zitates aus „Hemmung, Symptom und Angst“ am Ende der Seite: Was Freud dort als unangreifbar bezeichnet, ist der Über-Ich-Widerstand und nicht der Es-Widerstand resp. der Wiederholungszwang. Diese werden in Jenseits des Lustprinzips behandelt.

146

Meines Erachtens ermässigt sich der Wiederholungszwang eben durch seine Deutung im Übertragungsgeschehen mit der anschliessenden Stabilisierung dieses Schrittes durch die rekonstruktive Deutung, welche auch die emotionale Neuerfahrung einschliesst.

Den Rest der Seite verstehe ich unter dem Gesichtspunkt der Dialektik des Allgemeinen, Besonderen und Einzelnen (s. auch oben, zu Seite 12). Indem Morgenthaler als besonderer Analytiker so klar als möglich darstellt, wie er das Allgemeine (die Psychoanalyse) und das Einzelne (die einzelnen Vorgänge in den einzelnen Stunden) auffasst, vermittelt er uns doch gerade das Allgemeine und das Einzelne auf eine Weise, die zu unserer je eigenen besonderen Auffassung und Praxis der Psychoanalyse führen kann. Das macht auch das Materialistische seiner Vorgehensweise aus: Würde er meinen, er könne das Allgemeine unabhängig von seinem besonderen Standpunkt darstellen, wäre er ein Idealist. Sein Vorgehen macht m.E. auch transparent, was lehr- und lernbar ist und wo jeder den Kasten selber bauen muss, in dem er sitzt. Nur in dieser dialektischen Weise kann und muss jeder die Analyse für sich „neu erfinden“.

147-149

Der Analytiker setzt sich aus, lässt sich ein, ohne zu wissen, was ihm passieren wird. Als Analytiker setze ich mich den Fallen aus, die der Analysand allen und, in erster Linie, sich selber legt, weshalb ich mich weder auf die Probe gestellt fühlen soll noch meinen, der Analysand mache dieses oder jenes, um mir etwas anzutun.

Kein Ziel kann auch nur dialektisch verstanden werden: Der Weg ist insofern das Ziel, als dass durch ihn die Ziele aufgehoben und auf eine neue Stufe gehoben werden. Die Neuformulierung alter Konfliktneigungen ist ja auch ein Ziel.

Der letzte Abschnitt beschreibt die erkenntnistheoretische Situation, in welche analytische Prozesse zwischen zwei unvermeidlich in eine objektive historische Situation eingebundene und subjektiv dadurch limitierte Partner eingebettet sind. In bestimmten Fällen führt das dazu, dass Prozesse an Grenzen stossen, bevor das Wesentliche erreicht ist. Das widerspricht natürlich dem bürgerlichen Konzept von der Wertfreiheit der Wissenschaft, ist aber deswegen nicht weniger wissenschaftlich. Dieser Schluss des Buches soll viel Empörung bei der etablierten Analytikergemeinde ausgelöst haben, wie Morgenthaler stolz berichtete. Den tieferen Grund, weswegen Morgenthaler stolz sein durfte, sehe ich darin, dass er die materialistische und dialektische Methode so konsequent und erfolgreich angewandt hat.

 Nachwort zur Einleitung des Buches:

Die Orientierung, die Kilian fehlt, so etwas wie ein archimedischer Punkt, und wovon man sich nach Morgenthaler distanzieren sollte, versuchten wir durch Einnahme des Gesichtspunktes der materialistischen Dialektik zu geben. Kilian moniert, dass eine Beschreibung dieses Gesichtspunktes fehle, was nicht ganz nachvollziehbar ist, weil Morgenthaler immer wieder selbst darstellt, inwiefern seine Methode dialektisch ist. Wir haben das möglichst konsequent herausgearbeitet. Dadurch haben wir auch weniger Mühe, zu verstehen, wo Morgenthaler steht: auf dem Boden einer dialektisch „aufgehobenen Technik“, wie Kilian auf Seite 10 sagt.

Der Begriff „Technik“ wird von Kilian anscheinend positivistisch verstanden, im Sinn von festen Regelsystemen. Ich denke, das Gespräch über den Kursbuch-Artikel, das Ernste spielerisch und das Spielerische ernst zu nehmen, kann auch auf den Umgang mit Regeln angewendet werden. Sie werden von Morgenthaler gleichzeitig spielerisch und sehr ernst genommen. Obschon Kilian an einer positivistischen Auffassung von Technik festzuhalten scheint, bringt er das, was er als Widerspruch bezeichnet, völlig richtig auf den Punkt: Wenn Sie Ihre Arbeitsweise beschreiben, beschreiben Sie eine dialektische Arbeitsweise und sagen damit zugleich, dass sie im Grunde gar nicht technisch sein kann. Dennoch halten Sie daran fest, dass es sich um Technik handelt.

Dr. Ralf Binswanger
Freiestraße 90
CH 8032 Zürich
binse@swissonline.ch

 


[1] Die männliche Form der Sprache schliesst selbstverständlich die weibliche ein; nach verschiedenen Versuchen, das anders zu machen, werde ich es im Folgenden gleich handhaben wie Morgenthaler.

[2] Zum Begriff emotionale Bewegung s. auch Ulrike Körbitz, WERKBLATT 50, S. 52ff.

[3] Dieses Wort drückt aus, dass das nicht eine graduelle Entwicklung, sondern ein plötzlicher Vorgang ist.

[4] Was Morgenthaler hier auf der Ebene der Technik betont, findet sich bei Laplanche in verallgemeinerter Form wieder: Seine „allgemeine Verführungstheorie“ (s. Dazu Ann Koellreuter im WERKBLATT Nr 50).

[5] Hier könnte man den Bezug zu Wilhelm Reichs Charakteranalyse sehen; bei Charakterneurotikern braucht es einen grösseren Aufwand, um Befremdungsgefühle gegenüber den eigenen Charakterhaltungen zu erreichen.

[6] Gesichtspunkt der narzisstischen Entwicklung.

[7] Freuds Definition des Übertragungswiderstandes impliziert auch, dass er erst auftreten kann, nachdem sich eine Beziehung zur analytischen Situation oder zur Person des Analytikers hergestellt hat. Entspricht das Morgenthalers bisheriger Behauptung, der Widerstand komme erst, nachdem eine Übertragung entstanden ist? Eher nicht, denn Beziehung ist nicht synonym mit Übertragung. In den Vorlesungen schreibt Freud: Anstatt sich zu erinnern, wiederholt [der Analysand] aus seinem Leben solche Einstellungen und Gefühlsregungen, die sich mittels der sogenannten „Übertragung“ zum Widerstand gegen Arzt und Kur verwenden lassen. ... Man kann auch sagen, es seien Charaktereigenschaften, Einstellungen des Ichs (sic!, geschrieben einige Jahre vor Einführung der Strukturtheorie) welche zur Bekämpfung der angestrebten Veränderungen mobil gemacht werden (GW XI, S. 300f). Eine Stelle, welche die Genese des Begriffs Übertragungswiderstand deutlich macht.

[8] Die drei Elemente dieser Übertragungsdeutung wären: Das Befremdliche (sich nicht exhibieren können, wie ein schüchternes Mädchen) im polaren Gegensatz zur erlebten Realbeziehung (emotionale Bewegung auf den Analytiker zu, wobei nichts Gefährliches passiert) und die verursachende unbewusste Phantasie (er könnte vom Analytiker vergewaltigt werden).

[9] Das unterscheidet ihn z.B. von Merton Gill. Bei ihm gibt es nur Widerstände, obschon auch bei ihm der dynamische Gesichtspunkt auf ähnliche Weise im Zentrum steht wie bei Morgenthaler.

[10] Ich vergleiche dies gern mit der Situation des Berufsmusikers, der z.B. die Gesetze des Quintenzirkels zu respektieren hat.